Warum glaubst Du noch? Lehren der christlichen Kirchen
unter dem Gesichtspunkt der Logik

von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel

Einleitende Worte

Wir schreiben das 21. Jahrhundert und leben eigentlich in einem aufgeklärten Land, in dem uns die Wissenschaft einst rätselhafte Vorgänge und Erscheinungen erklärt und sie somit dem geheimnisvollen Zauber des Unerklärlichen entzogen hat. Nichtwissen ist dadurch in vielen Dingen zu Wissen geworden, zunächst unbekannte Phänomene stellen sich für uns auf der Basis der Wissenschaft inzwischen logisch dar. Auch unser Reaktionsverhalten in der Gemeinschaft der Mitmenschen lässt sich häufig begründen, und die Ursachenforschung ermöglicht es den Menschen, Reibungspunkte für das Zusammenleben zu minimieren oder gar zu beseitigen. Im Ergebnis hat dies zu einer gewissen Offenheit im Miteinander geführt.

Wenn aber ein religiöser Mensch nach einer rationalen Begründung für seinen Glauben gefragt wird, so muss er die Antwort schuldig bleiben. Er antwortet höchstens darauf, dass es seiner Überzeugung nach einen Gott geben müsse, im Übrigen kann er auf seine Religionsfreiheit verweisen. Denn viele sind sofort bereit, solche Fragen als einen Angriff auf die Religionsfreiheit der betreffenden Person zu werten. Durch derartige Fragen werde seine Privatsphäre berührt und er damit sogar beleidigt. Wie kommt das? Lässt sich dieses eigenartige Verhalten vielleicht damit erklären, dass viele an irgendetwas glauben und es selber nicht rational begründen können? Jedenfalls wird ein religiöser Glaube in der Gesellschaft respektiert und weitgehend akzeptiert. Und warum hat der Glaube eines Menschen diesen hohen Stellenwert? Er ist doch von einer Sache überzeugt, von der er definitiv nichts weiß, da er nichts wissen kann. Außerhalb religiöser Fragestellungen würde niemanden ein Standpunkt, der nur auf der Basis des Glaubens beruht, ernsthaft interessieren, er würde als völlig aus der Luft gegriffen zurückgewiesen werden.

Zu allen Zeiten haben sich die Menschen ihren Gott selbst erschaffen. Und er war immer so, dass er vor allen Dingen die Macht der Mächtigen sicherte oder vermehrte, wobei die Vertreter der Kirche stets auf der Seite dieser Mächtigen standen. Unter dem Begriff Kirche werden hier und im Folgenden die beiden Großkirchen (Evangelisch-Lutherische und Römisch-Katholische) gemeinsam verstanden, denn sie hatten ja auch viele Jahrhunderte lang eine gemeinsame Geschichte. Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass die katholische Kirche weit mehr Kritik herausfordert als die evangelische, da sie in Glaubensfragen häufig an einmal aufgestellten Dogmen festhält, obwohl diese längst von der Realität überholt worden sind.

Stets war die Logik der Feind jeder Religion, weil Logik die Lehre vom schlüssigen und folgerichtigen Denken und Argumentieren ist. In diesem Sinne war z.B. die »Heilige« Inquisition nichts anderes als eine Institution des kirchlich legitimierten grausamen Mordens. Die Zeit der Inquisition müsste von der heutigen Kirche explizit als eine lange Phase schwerster Verbrechen der christlichen Kirche bezeichnet werden, allein das entspräche den Tatsachen. Die Inquisition war schlicht eine Verbrecherorganisation. Wer das anders sieht, der verschließt die Augen vor den historisch belegten Fakten.

Aus logischer Sicht lassen sich viele kirchliche Lehren nicht nachvollziehen. Während jedoch früher Nachdenken über und logische Argumente gegen kirchliche Lehrsätze verboten waren und zum Teil mit dem Tode bestraft wurden, sehen sich heutzutage die einzelnen Religionsrichtungen offener Kritik ausgesetzt. Deswegen spricht die Kirche in dem Zusammenhang gerne von einer göttlichen Logik, die wir nicht verstehen könnten, weil die Logik Gottes eine andere sei als die der Menschen 2. Das ist ohne Zweifel eine denkbar einfache und zugleich effiziente Methode, allen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, weil dadurch jeglicher rationalen Bewertung der kirchlichen Lehre von vornherein die Grundlage entzogen wird.

Nun hat aber ein wie auch immer gearteter Gott noch nie zu einer Sache persönlich Stellung genommen und erklärt, warum er wie geschehen gehandelt bzw. nicht gehandelt hat. Immer nur sind es die Worte der Kirchenvertreter, welche die Motivation ihres Gottes erklären sollen. Gesehen oder wenigstens gesprochen haben sie ihren Gott bislang noch nicht, wenn man von Berichten aus grauer Vorzeit absieht. Und jedem ist sicherlich klar, was von solchen Überlieferungen zu halten ist. All das legt den Verdacht nahe, dass sie in Wahrheit überhaupt nichts wissen. Woher auch? Sie reden von der göttlichen Logik, weil sie es glauben bzw. uns dazu bringen wollen, es zu glauben. Ihre Glaubensgewissheit, bereits vom Wort her ein Widerspruch in sich selbst, basiert eben nicht auf Wissen. Was man nicht weiß, dessen kann man nicht gewiss sein. Und glauben kann man vieles. Dass man nach dem Tod in der Gestalt irgendeines Tieres wieder auf die Erde zurückkommen wird. Dass im Paradies Jungfrauen auf einen warten werden, natürlich nur auf die Männer. Oder dass man nach seinem Tod alle lieben Verwandten und Bekannten wieder sehen wird. Dies sind für gläubige Menschen alles schöne Aussichten. Ob es wirklich so sein wird, darüber hat noch niemand berichtet, das kann man nur glauben. Und glauben heißt nicht wissen, sagt schon ein altes Sprichwort.

Im Folgenden wird speziell auf die christlichen Kirchen eingegangen, obwohl andere Religionsgemeinschaften unter den gleichen Gesichtspunkten betrachtet werden müssten. Die christlichen Kirchen sollen an ihren Lehren und an der Glaubenspraxis beurteilt werden, und die Logik soll das Kriterium für diese Beurteilung sein. Dabei steht die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Prüfstand. Es geht hier nicht etwa um eine einseitige Meinung zu den Lehren der Kirche, sondern um das logische Hinterfragen von religiösen Thesen. Und um Thesen handelt es sich, nämlich um zu beweisende Behauptungen. Diese Beweise muss die Kirche naturgemäß schuldig bleiben.

Macht und Einfluss der Kirchen beruhen in erster Linie darauf, dass viele Fragen von den Gläubigen gar nicht gestellt werden. Dazu gehört die Frage, was die im Brustton der Überzeugung verkündeten religiösen Thesen praktisch bedeuten. Zieht man von den Antworten der Kirchen die schön und überdies wissenschaftlich klingenden Worte ab, dann kommt dabei zu Tage, wie leicht sich diese Thesen oft widerlegen lassen.