von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
In der heutigen Zeit verlangt die Gesellschaft, dass jeder, wenn er gefragt wird, über den Grund seines Handelns Rede und Antwort steht. Daher verlieren z.B. Eltern, die ihren Kindern immer wieder eine schlüssige Erklärung für ihre angewendeten Erziehungsmaßstäbe schuldig bleiben, letztlich die Autorität bei ihren Kindern. Der Wähler einer bestimmten politischen Partei wird zumindest gegenüber seinen Freunden, falls sie danach fragen, die Vorzüge der Partei, die er gewählt hat, anführen, oder er wird erklären, warum er so und nicht anders gewählt hat. Und falls ein Autofahrer in einen größeren Verkehrsunfall verwickelt wird, dann muss er sein Verhalten vor Gericht begründen, damit der Richter diesen Verkehrsunfall richtig beurteilen kann.
Wenn aber ein religiöser Mensch nach einer rationalen Begründung für seinen Glauben gefragt wird, antwortet er darauf höchstens, dass es seiner Überzeugung nach einen Gott geben muss, im Übrigen kann er aber auf seine Religionsfreiheit verweisen. Denn seltsamerweise sind viele sofort bereit, solche Fragen als einen Angriff auf die Religionsfreiheit der betreffenden Person zu werten. Durch derartige Fragen werde die Privatsphäre eines Menschen berührt und er dadurch sogar beleidigt. Wie kommt das? Lässt sich dieses eigenartige Verhalten vielleicht damit erklären, dass viele Menschen an irgendetwas glauben und es selber nicht rational begründen können? Ein religiöser Glaube wird jedenfalls in der Gesellschaft respektiert und auch weitgehend akzeptiert. Aber warum hat der Glaube eines Menschen diesen hohen Stellenwert? Er ist doch von einer Sache überzeugt, von der er definitiv nichts weiß, da er nichts wissen kann. Außerhalb religiöser Fragestellungen würde eine auf der Basis des reinen Glaubens begründete Meinung niemanden ernstlich interessieren, sie würde als völlig unbegründet zurückgewiesen werden.
Zu allen Zeiten haben sich die Menschen ihren Gott selbst erschaffen. Und er war immer so, dass er vor allen Dingen die Macht der Mächtigen sicherte oder vermehrte, wobei die Vertreter der Kirche stets auf der Seite dieser Mächtigen standen. Unter dem Begriff Kirche werden hier und im Folgenden die beiden Großkirchen (Evangelisch-Lutherische und Römisch-Katholische) gemeinsam verstanden, denn sie hatten ja auch viele Jahrhunderte lang eine gemeinsame Geschichte. Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass die katholische Kirche weit mehr Kritik herausfordert als die evangelische, da sie in Glaubensfragen häufig an einmal aufgestellten Dogmen festhält, obwohl diese längst von der Realität überholt worden sind.
Stets war die Logik der Feind jeder Religion, weil Logik die Lehre vom schlüssigen und folgerichtigen Denken und Argumentieren ist. In diesem Sinne war z.B. die »Heilige« Inquisition nichts anderes als eine Institution des kirchlich legitimierten grausamen Mordens. Die Zeit der Inquisition müsste von der heutigen Kirche explizit als eine lange Phase schwerster Verbrechen der christlichen Kirche bezeichnet werden, allein das entspräche den Tatsachen. Die Inquisition war schlicht eine Verbrecherorganisation. Wer das anders sieht, der verschließt die Augen vor den historisch belegten Fakten.
Bei logischer Betrachtungsweise lassen sich viele kirchliche Lehren nicht mehr nachvollziehen. Während jedoch früher Nachdenken über und logische Argumente gegen kirchliche Lehrsätze verboten waren und zum Teil mit dem Tode bestraft wurden, sehen sich heutzutage die einzelnen Religionsrichtungen zunehmend Kritik ausgesetzt. Aus diesem Grund spricht die Kirche in dem Zusammenhang gerne von einer göttlichen Logik, die der Mensch gar nicht verstehen könne, weil die Logik Gottes eine andere sei als die der Menschen. Das ist ohne Zweifel eine denkbar einfache und zugleich effiziente Methode, allen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, weil dadurch jeglicher Kritik an den Lehren der Kirche von vornherein die Grundlage entzogen wird.
Nun hat aber ein wie auch immer gearteter Gott noch nie zu einer Sache persönlich Stellung genommen und erklärt, warum er wie geschehen gehandelt bzw. nicht gehandelt hat. Immer nur sind es die Worte der Kirchenvertreter, welche die Motivation ihres Gottes erklären sollen. Gesehen oder wenigstens gesprochen haben sie ihren Gott bislang noch nicht, wenn man von Berichten aus grauer Vorzeit absieht. Und jedem ist sicherlich klar, was von solchen Überlieferungen zu halten ist. All das legt den begründeten Verdacht nahe, dass sie in Wahrheit überhaupt nichts wissen. Woher auch? Sie reden von der göttlichen Logik, weil sie es glauben oder die Menschen es glauben machen wollen. Diese Glaubensgewissheit, bereits vom Wort her ein Widerspruch in sich selbst, basiert eben nicht auf Wissen. Was man nicht weiß, dessen kann man nicht gewiss sein. Und glauben kann man vieles. Dass man nach dem Tod in der Gestalt irgendeines Tieres wieder auf die Erde zurückkommen wird, oder dass im Paradies Jungfrauen auf einen warten werden, natürlich nur auf die Männer. Oder dass man nach seinem Tod alle lieben Verwandten und Bekannten wieder sehen wird. Dies sind für gläubige Menschen alles schöne Vorstellungen. Ob es wirklich so sein wird, darüber hat noch niemand berichtet, das kann man nur glauben. Und glauben heißt nicht wissen, sagt schon ein altes Sprichwort.
Im Folgenden wird speziell auf die christlichen Kirchen eingegangen, obwohl andere Religionsgemeinschaften unter den gleichen Gesichtspunkten betrachtet werden müssten. Die christlichen Kirchen sollen an ihren Lehren und an der Glaubenspraxis beurteilt werden, und die Logik soll das Kriterium für diese Beurteilung sein. Dabei steht die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Prüfstand. Es geht hier nicht etwa um eine kritische Meinung über die Lehren der Kirche, sondern um das logische Hinterfragen von religiösen Thesen (Glaubenssätzen). Und um Thesen handelt es sich, nämlich um zu beweisende Behauptungen. Diese Beweise muss die Kirche naturgemäß schuldig bleiben.
Macht und Einfluss der Kirchen beruhen vor allem darauf, dass viele Fragen von den Gläubigen gar nicht gestellt werden. Dazu gehört die Frage, was die eine oder andere religiöse These praktisch bedeutet. Zieht man dann von den Antworten der Kirchen die schön und zudem wissenschaftlich klingenden Worte ab, dann kommt dabei zu Tage, wie leicht sich oft die Thesen der Kirche widerlegen lassen. Auf die Angabe von Literaturstellen wurde verzichtet, sie können beim Webmaster erfragt werden. Auch wird in dem Zusammenhang auf das Internet verwiesen.