von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Wie anhand dieser Beispiele dargestellt wurde, sind viele Argumente der christlichen Kirche so offensichtlich widersinnig, dass es wundert, dass die Gläubigen dennoch Mitglied der Kirche bleiben. Denn die hier aufgezeigten Widersprüche müssten an und für sich jeden Menschen überzeugen. Dazu ist aber zu sagen, dass die meisten Gläubigen die Lehren der Kirche, die ja für sie gemacht worden sind, und damit ihren Glauben im Grunde genommen nicht kennen. Warum glauben sie dann an etwas, worüber ihr Verstand nichts weiß? Warum stellen sie Nichtwissen über wissen?
Einmal hat ihr Glaube sehr oft mit Gewohnheit zu tun. Ein neugeborenes Kind wird quasi in den Glauben hinein getauft, da die Eltern als Angehörige einer bestimmten Religionsgemeinschaft bei der Taufe für ihr Kind entscheiden. Dabei gehen Sie davon aus, dass ihre Religion die einzig richtige ist, und deshalb finden sie es auch nur legitim, diese an ihr Kind weiterzugeben. Das Kind hat daher keinerlei Möglichkeit, Nein zur Kirche zu sagen. Würde sich ein Mensch stets erst im Erwachsenenalter für oder gegen die Kirche entscheiden können, und nur das wäre richtig, würden dadurch die Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen stark zurückgehen.
Wächst das Kind in einer von der Religion geprägten Gemeinschaft auf, lernt es dabei zwangsläufig kennen, dass man eben in die Kirche geht, dass man vor dem Altar heiratet oder sein neugeborenes Kind vom Pastor taufen läst. Abgesehen davon kann man es sich in solch einer Gemeinschaft in aller Regel nicht erlauben, in religiösen Dingen auszuscheren und wesentliche Kritik zu äußern. Schließlich lebt man in dieser Gemeinschaft und möchte es auch in Zukunft tun. Darüber hinaus fragt man sich, ob die Sache der Kirche so falsch sein kann, wenn alle, die man kennt, für jedermann sichtbar gläubige Anhänger der Kirche sind. Konfrontiert man diese Menschen mit der Frage, woher sie ihr religiöses Wissen beziehen, gelangt man bald zu der Erkenntnis, dass tatsächlich niemand etwas weiß. Im Einzelnen ist zu den Motiven der Gläubigen noch Folgendes zu sagen:
— Viele Menschen sehen diese Widersprüche nicht oder wollen sie einfach nicht sehen, und sie stellen somit auch keine kritischen Fragen. Nach ihrer Überzeugung liegt alles in der Hand ihres Gottes. Glück genauso wie Unglück, Erfolg oder Nichterfolg, Gesundheit oder Krankheit und schließlich der Tod. Für sie muss die Logik um die Religion einen Bogen machen, denn Fakten interessieren sie nicht. Solche Menschen sind der Kirche zweifellos am liebsten.
— Erfahrungsgemäß wirkt die Erziehung im Kindersalter am stärksten, was natürlich der Kirche gleichfalls bekannt ist. Und wenn ein Kind ständig zu hören bekommt, dass der da oben alles sieht, alles hört, alles weiß, so kann sich ein erwachsen werdender Mensch häufig schwer von seinem Glauben trennen, obwohl sein Geist die Zusammenhänge erkennt. Durch diese frühkindliche kirchliche Indoktrination lässt sich erklären, warum Personen, die sich sonst durchaus kritisch über eine Sache äußern und deren Hintergründe sehen und aufzeigen, es bei ihrem Glauben nicht tun. Dabei mögen sie unter Umständen Vorbehalte gegenüber einer zu engen Auslegung von kirchlichen Lehrsätzen haben, aber in letzter Konsequenz können sie sich von diesen wider besseres Wissen nicht trennen. Viele von ihnen werden überdies mit zunehmendem Alter gläubiger.
— Vielen Menschen hilft es, an ein höheres und durch und durch gutes Wesen im Diesseits und ebenso in einem irgendwie gearteten Jenseits zu glauben. Dieser Glaube bietet ihnen die Möglichkeit, auf ihrem Lebensweg besser zurechtzukommen. Sie brauchen die Vorstellung, dass ihr Leben mit dem Tod nicht endgültig zu Ende ist, sie wollen glauben. Um an die Existenz eines höheren Wesens zu glauben, muss man aber nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft sein!
— Die Gläubigen haben die von der Kirche bestärkte Hoffnung, dass sich am Ende ihres Lebens für sie alles zum Guten wenden wird. Ihr Gott wird, das glauben sie, dafür sorgen, dass spätestens nach ihrem Tod das Glück zu ihnen kommen wird, und sie dann ohne jegliche Not bis ans Ende aller Zeiten leben werden. Insofern glauben sie daran, dass ihr Leben nach dem Tod weitergehen wird.
— Hinzu kommt, dass ihr Gott auch ein guter »Gesprächspartner« ist. Mit ihm können sie über alles reden, ihm können sie Ihre Sorgen mitteilen. Auch wenn sie sehr traurig sind, ist dadurch immer einer bei ihnen, der ihnen zuhört. Ohne Frage reden sie dabei immer nur mit sich selbst, von einer Antwort Gottes in solch einem Gespräch hat noch keiner berichtet. Jedenkalls keiner, der ernst genommen werden möchte. Es handelt sich also um Selbstgespräche.
— Ferner kann die Angst eine Rolle spielen. Man traut sich nicht, sich wider besseres Wissen vom Glauben abzuwenden, denn vielleicht gibt es doch jemanden dort »oben«, der sich danach fürchterlich rächen würde. Indem man nicht aus der Kirche austritt, lässt man sich besser ein Hintertürchen offen und bleibt wenigstens formal Mitglied der Kirche. Und dafür zahlt man bereitwillig Kirchensteuer.
Die hier dargelegten Gründe bilden die eigentliche Basis der Kirche. Ein logisches Hinterfragen der kirchlichen Lehren, ein Nachdenken über ihren Glauben, findet bei den Gläubigen nicht statt. Vielmehr haben sie, wie dargestellt wurde, ihre persönlichen Gründe für ihren Glauben. Zwar halten sie sich an die gängigen Vorschriften der Kirche und gehen beispielsweise zur Taufe, wobei sie in der Regel getragen werden, zur Beichte, zum Gottesdienst oder lassen sich vor dem Altar trauen, aber ansonsten interessieren sie sich für die Lehre der Kirche nicht viel. Sie glauben an einen Gott, den sie nie gesehen haben, der noch nie irgendetwas zu ihnen gesagt hat, und der noch nie nachweislich etwas für sie getan hat. Bei dem letzten Punkt werden viele Gläubige vehement protestieren, da sie sich über die Bedeutung des Wortes »nachweislich« nicht im Klaren sind.
Weiterhin geht es darum, dass alle wichtigen religiösen Begriffe wie z.B. Dreifaltigkeit, Erbsünde, Fegefeuer, Unfehlbarkeit, Vorhölle u.a.m. immer nur von den Kirchenvertretern, also von Menschen, definiert wurden. Und Menschen haben diese Dinge eingerichtet oder wieder abgeschafft. Alles, was die Gläubigen über ihren Gott wissen, stammt ausschließlich aus den Erzählungen anderer, die es wiederum von anderen gehört haben. So soll der Gott der Christen allgegenwärtig, allmächtig, allwissend, allgütig, gerecht und weise, zugleich überall und nirgends sein, alles hören und alles sehen können, wohingegen er selbst noch nie gesichtet worden ist. Es sind Eigenschaften, die in der Summe schlichtweg Angst erregend sind, jeder Geheimdienst wäre hochgradig an so etwas interessiert. Und die Gläubigen vertrauen einem Buch, der Bibel, bei dessen einzelnen Kapiteln in den allermeisten Fällen nicht einmal der Autor bekannt ist. Dies alles führt mitunter zu eigenartigen Reaktionen.
Nach einem größeren Unglück gehen die Menschen häufig in eine Kirche, um an einem Trauergottesdienst teilzunehmen. Sie gehen also in ein Gotteshaus, in dem der Gott zu Hause ist, der als Allmächtiger – das soll er sein – dieses Unglück nicht verhindert hat. Und der dazu als Allwissender ihren tiefen Schmerz genau vorausgesehen hat. Sie gehen zu einem Gott, der alles, was auf der Welt passiert, letztlich verursachen soll. Das sagen die Priester und das glauben sie. Demnach gehen Sie zu einem Gott, der das Unglück geschehen ließ, obwohl er es ihrer Überzeugung nach hätte verhindern können. Ob ihnen dieser offensichtliche Widerspruch ihres Verhaltens klar ist?
Daneben gibt es aber auch Situationen, bei denen den Gläubigen ihr Glaube regelrecht im Wege steht. Beispielsweise würde bei manchen Erbstreitigkeiten auf der Suche nach dem eigenen Vorteil das christliche Gebot der Nächstenliebe nur stören, also ist man hierbei lieber nicht so gläubig. Schließlich kann man hinterher, wenn alles vorbei ist, zur Beichte gehen. Oder ein Ehepartner betrügt den ihm mit kirchlichem Segen angetrauten Menschen, trotzdem geht er Sonntag für Sonntag brav in die Kirche zum Gottesdienst, schon wegen der Nachbarn. Ein als (angeblich?) gläubig bekannter Geschäftsmann zieht seinen Geschäftspartner beim Abschluss wissentlich, wie man sagt, über den Tisch und streicht auf diese Weise einen satten Gewinn ein.
Man könnte die Reihe der Beispiele fortsetzen, immer wird dabei in irgendeiner Angelegenheit der Glaube aus egoistischen Gründen ausgesetzt. Dadurch sind häufig Verhaltensweisen möglich, die man von einem gläubigen Menschen gar nicht erwar-tet hätte. Bei ihnen bestehen an der Ernsthaftigkeit ihres Glaubens mehr als berechtigte Zweifel, gerade sie sind jedoch in Glaubensfragen oft unerbittlich und steigern sich nicht selten in einen regelrechten Religionsfanatismus hinein, der natürlich auch nicht echt ist.
Das Aussetzen von wichtigen Punkten des Glaubens hat Tradition. Ohne mit den o.a. Beispielen in der Sache vergleichen zu wollen, waren doch in früheren Zeiten etwa die Sklavenhalter Menschen, die vorgaben, an Gott und die Lehren der Kirche zu glauben. Sie waren sogar davon überzeugt, ihrer Umwelt in christlicher Nächstenliebe zu begegnen. Und lange Zeit hat ihnen niemand, auch die barmherzige Kirche nicht, die Sklaverei vorgeworfen, in der sie Mitmenschen als Individuen gehalten haben, die rechtloser als Tiere waren. Im Gegenteil, die Sklaverei galt als gottgewollt. Das Gott so etwas gewollt hat!
Für die so genannten Würdenträger der Kirche und für Religionswissenschaftler gilt zunächst das zuvor Gesagte in der gleichen Weise. Darüber hinaus sehen sie, zumindest zu einem gewissen Teil, ebenfalls die Widersprüche in ihrer eigenen Argumentation, denn kann sich ein denkender Mensch diesen verschließen? Trotzdem können sie sich häufig nicht von der Kirche lösen, da sie Angst haben vor der Reaktion ihrer Umwelt, Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, und nicht selten Angst, zuzugeben, dass sie sich dermaßen elementar getäuscht haben. Es gibt aber Beispiele von Theologen, die Zivilcourage gezeigt haben und aus der Kirche ausgetreten sind, weil sie deren Lehren nicht mehr vertreten konnten.
Andererseits leben sie auf ihrem Posten nicht schlecht. Und sie üben innerhalb der Hierarchie der Kirche das aus, was wohl für nicht wenige Menschen eine generelle Triebkraft ist, nämlich Macht. Dazu haben sie sich eine pseudowissenschaftliche Sprache zugelegt, die sie gewissermaßen in den Pantheon der Wissenschaft abheben soll. Sieht man einmal von der Ausdrucksweise absieht, gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass hinter ihren Worten am Ende nichts steht.
Ferner gibt es für ein religiöses Verhalten noch rein äußerliche Gründe. Einige Politiker etwa gehen gerne öffentlichkeitswirksam in die Kirche, um sich dabei ihren Wählern zu zeigen. Denn sie sind der Meinung, das wäre gut für ihr Image und damit für ihre Wiederwahl. Und es gibt Menschen, die sich in einen Kirchenvorstand oder Ähnliches wählen lassen, weil für sie die Kirche nichts weiter als ein Verein ist, in dem sie die oder der Erste sein wollen. Ansonsten ist für viele, gerade in der heutigen Zeit, eine kirchliche Zeremonie nichts als schön. Sie lassen sich z.B. gerne würdevoll, wie sie meinen, vor dem Altar trauen. Eine eventuelle spätere Scheidung findet dann ganz profan vor einem weltlichen Gericht statt. Und ist nicht eine Christmesse am Heiligen Abend in der weihnachtlich geschmückten Kirche so richtig feierlich? Mit Gläubigkeit hat all dies nichts zu tun, höchstens mit Gewohnheit.
Zu allen Zeiten haben die Menschen sich gefragt, woher sie kommen und wohin sie nach dem Tod gehen werden. Und da sie nichts darüber wussten und nach wie vor nichts wissen, haben sie sich eben einen Gott geschaffen. Es muss einfach einen Gott geben, sagen sie, anders könne es doch gar nicht sein. Sie setzen voraus, dass der menschliche Geist das Warum des Lebens begreifen können muss, und sie meinen, dass in diesem Sinne ihr Glauben mit Verstehen gleichgesetzt werden kann. Diese Voraussetzung trifft eindeutig nicht zu. Denn wer nur auf der Basis des Glaubens versteht, der versteht nichts, da er eben nichts weiß. Dabei sagt doch den Menschen inzwischen die Evolutionstheorie zumindest, woher sie kommen.
Auch die Vorstellung von der Ewigkeit der Existenz ihres Gottes ohne Anfang und ohne Ende scheint für die Gläubigen kein Problem darzustellen. Das einzige, was hingegen gesichert ist, ist unsere biologische Existenz. Mehr wissen wir trotz aller Erfolge der Wissenschaft und trotz der gegenteiligen Äußerungen von Gläubigen nicht. Vielleicht kann ja der Mensch in 10000 Jahren die noch offenen Fragen beantworten. Nur zu glauben, was jemand dazu sagt, ist keine Alternative, jedenfalls keine, die eine geistig fundierte Basis hat. Und das Geistige macht den Menschen aus, nicht das Geistliche. Glauben kann man vieles. Während die Menschen sonst durchaus kritisch sind und beileibe nicht alles glauben, was man ihnen erzählt, ist das bei der Religion offenbar etwas anderes.