von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Die evangelische Kirche hat mit der Verhütung heutzutage nur noch wenig Schwierigkeiten, obwohl selbst Martin Luther über den ehelichen Akt, bei dem die Empfängnis nicht einmal verhütet wurde, gesagt hat, dass »keine Ehepflicht ohne Sünden geschieht«. Diese Worte Luthers zeigen, dass er in der Sexualität nicht über die Pubertät hinausgekommen ist. Im Übrigen passt diese Äußerung zu seinen sonstigen, wie in dem Kapitel über ihn dargestellt wird.
Nach katholischem Recht ist Verhütung strengstens verboten, obwohl Gott selbst zu diesem Thema bisher keine Stellung genommen hat. Empfängnisverhütung ist zu für die katholische Kirche eine schwere Sünde, eine Empfängnisregelung hingegen ist erlaubt. Sie ist dagegen, weil nach ihrer Meinung die Empfängnis etwas Heiliges ist, etwas Gottgewolltes, das man nicht verhindern darf. In der Enzyklika Humanae Vitae vom 25.07.1968 bezeichnete Papst Paul VI. die Verhütung als verwerflich, sie verletze die sittliche Ordnung. Gemeint ist damit die sittliche Ordnung der katholischen Kirche, die zum Glück nicht mit der sittlichen Ordnung unserer Gesellschaft identisch ist. Wer den ehelichen Liebesakt nur abbricht, warum auch immer, handelt somit unsittlich und verwerflich! Ernst kann man das alles nicht mehr nehmen.
Nun sind mit der sittlichen Ordnung nicht etwa sexuelle Gründe gemeint, denn in diesen Dingen können die katholischen Pastoren, Bischöfe, Kardinäle und auch der Papst (im Gegensatz zu früher) nicht mitreden, weil sie davon nichts wissen dürfen und deshalb auch nicht können. Da für sie das Zölibat gilt, werden Sie die Gefühle bei der körperlichen Liebe nie kennen lernen. Um darüber fundiert reden zu können, muss man sie selbst erfahren haben. Sie verstehen nun mal nichts von der Liebe zweier Menschen und sollten hierzu konsequent schweigen. Dennoch mischen sie sich dabei eifrig ein.
Es ergibt sich jetzt die logische Frage, worin bei einer Empfängnisverhütung und einer Empfängnisregelung der ursächliche Unterschied liegt. Zweifelsohne wird die Empfängnisregelung häufig bewusst angewendet, um eine Empfängnis zu verhüten. In beiden Fällen will man vermeiden, dass bei der körperlich vollzogenen Liebe ein Kind entsteht. Aber die Empfängnisregelung gilt nicht als Verhütung im Sinne der katholischen Kirche, denn natürlich muss sie ihren Mitgliedern die Möglichkeit lassen, ihren Kindersegen ein bisschen zu steuern. Andernfalls würden die meisten eben ohne kirchliche Erlaubnis verhüten.
Das rigorose Verbot der Empfängnisverhütung führt bei streng gläubigen Katholiken häufig zu ernsten persönlichen Konflikten, und nicht selten fühlen sie sich dadurch einem starken Druck ausgesetzt. Auf diese Weise trägt die katholische Kirche durch ihre rückständige Haltung zu Moralfragen de facto auch zur Ausbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten wie Aids bei.
Diese befremdliche Moraltheologie treibt manchmal seltsame Blüten. Carlo Caffarra, Erzbischof von Bologna und 2006 vom Papst zum Kardinal ernannt, sagte in seiner Eigenschaft als Leiter des päpstlichen Instituts für Studien über Ehe und Familie, wobei er ja weder Ehemann noch Familienvater ist, im November 1988 auf einer moraltheologischen Tagung:
» Wer Verhütungsmittel benutzt, will nicht, dass neues Leben entsteht, weil er ein solches Leben als Übel betrachtet. Das ist dieselbe Einstellung wie die eines Mörders, der es als Übel ansieht, dass sein Opfer existiert. «
Kardinal Caffarra setzt also Verhüten mit Mord gleich, anders ist dieser Vergleich nicht zu verstehen, wobei er offensichtlich die Aussage des Wortes Mord nicht verstanden hat. Wer mordet, der vernichtet existentes Leben, wer dagegen verhütet, der verhindert damit, dass Leben entsteht. Demnach kann Verhüten kein Mord sein. Diese falsche Interpretation des Wortes Mord sei dem Kardinal verziehen. Fürs Nachdenken wird er schließlich nicht bezahlt, sondern hauptsächlich fürs Glauben. Mit den Kondomen hat es Kardinal Caffarra, denn er hat auch gesagt, dass ein Ehemann, der mit Aids infiziert ist, jedoch auf Geschlechtsverkehr nicht verzichten will, lieber seine Frau anstecken soll, statt Kondome zu nehmen. Dies ist nichts anderes als eine direkte Aufforderung, im Bedarfsfall seine Ehefrau umzubringen, und es ist unverständlich, dass diese Äußerung in dem katholischen Land Italien straffrei geblieben ist.
Ein Skandal ist, dass Papst Benedikt XVI. Herrn Caffarra zum Kardinal ernannt hat. Jede andere Organisation hätte ihn wegen seiner kriminellen Äußerung fristlos entlassen. Dadurch könnte man der Meinung sein, dass Kardinal Caffarra mit seiner Sicht der Dinge vielleicht nicht weit von der offiziellen Lehrmeinung der katholischen Kirche entfernt ist.
Letzte Änderung: 22.07.2010
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