von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Der Papst ist das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche. Er ist zugleich das Staatsoberhaupt des Staates Vatikanstadt und fungiert somit auch als Gesetzgeber. Als Inhaber des so genannten Heiligen Stuhls vertritt er weltweit über 1 Milliarde Katholiken, dabei gilt der oberste römisch-katholische Kirchenvertreter als Stellvertreter Christi auf Erden. Es ist also offensichtlich, dass ein Papst höchsten Ansprüchen genügen muss. Jedes seiner Worte hat Gewicht und müsste daher mit besonderer Sorgfalt und mit Bedacht gewählt werden. Im Folgenden zwei Beispiele dafür.
Der verstorbene Papst Johannes Paul II. ist viel gereist, u.a. auch nach Afrika. Dabei hat er vor einer großen Menschenmenge in seiner Predigt klar gesagt, dass Verhüten Sünde sei, ja sogar Mord. Obwohl man von Mord erst sprechen kann, wenn zuvor Leben entstanden ist, weil man eben nicht verhütet hat. Aber die genaue Definition von Mord war dem Papst vielleicht nicht bekannt. Nun sind gerade arme Menschen häufig sehr gläubig, denn außer der Hoffnung auf ein besseres Jenseits haben sie nichts im Leben. Also nahmen sie von der Predigt für ihren Alltag mit, dass sie nicht verhüten dürfen, wenngleich sie sich als Folge davon mit dem Aidsvirus infizieren könnten, was ihnen vielleicht nicht unbedingt klar war. War es dem Papst klar?
Die katholische Kirche, die immer mit den Äußerungen ihres jeweiligen Papstes leben muss, war bemüht, mit praktischen Argumenten dagegenzuhalten. Afrikaner könnten ohnehin nicht mit Kondomen umgehen, sagte sie, Kondome würden oft Löcher haben oder platzen, und zudem bereite deren richtige Anwendung Probleme. Mit Kondomen verhüte darum nach Meinung der Kirche in Afrika de facto quasi sowieso keiner. Die Anti-Baby-Pille kann der Papst in seiner Predigt nicht gemeint haben, da die sich in Afrika nur wenige leisten konnten und können. Auch wenn man zugesteht, dass nicht alle der anwesenden Gläubigen mit Kondomen hätten richtig umgehen können, so bleiben unter dem Strich dennoch viele Menschen, die sich bei Verwendung eines Kondoms nicht infiziert hätten.
Ein weiteres Argument der Kirche ist, dass nach ihrer Sexualmoral Geschlechtsverkehr ausschließlich innerhalb einer Ehe stattfinden dürfe. Also, wer vor der Ehe intim wird oder fremdgeht, der hat schon deshalb den Tod verdient. Fakt ist, dass viele Menschen, die aus Glaubensgründen nicht verhütet haben, an Aids gestorben sind. Wer ist für ihren Tod verantwortlich? Einen Täter, der viele Menschenleben auf dem Gewissen hat, nennen wir einen Massenmörder, wie sollen wir diesen Papst nennen? In seinem letzten Buch verglich er tatsächlich den gesetzlich legitimierten Schwangerschaftsabbruch mit der verbrecherischen Tötungsmaschinerie des Naziregimes. Jede Frau, die ihre Schwangerschaft im Rahmen der bestehenden Gesetze abbricht, wird damit mit Schwerverbrecherinnen und Mörderinnen auf eine Stufe gestellt. Das sind wahrlich krankhafte Fantasien eines alten Mannes.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, was Papst Benedikt XVI. in seinem Interview vom 06.08.2006 in der Sommerresidenz in Castel Gandolfo (Italien) zum Thema Aids sagte. Genau genommen war es kein Interview, eher eine auswendig gelernte Stellungnahme des Papstes. Mit dabei waren vier Journalisten, so lautete ihre offizielle Berufsbezeichnung, die brav die Fragen stellten, deren Antworten bereits vorher fertig waren. Der Papst sagte u.a.:
»Aber wenn man nur know how weitergibt, nur beibringt, wie man Maschinen macht und mit ihnen umgeht, und wie man Verhütungsmittel anwendet, dann braucht man sich nicht wundern, dass am Schluss Krieg herauskommt und Aidsepidemien.«
Zum einen beschreibt er dabei in allgemeiner und sehr verkürzter Form die sozialen Folgen einer reinen Technikgläubigkeit. Zum andern sollen insbesondere diese dazu führen, dass sich der Mensch mit dem Aidsvirus infizieren kann. Jetzt wissen wir endlich, woher das Aidsvirus kommt. Außerdem gilt demnach mit anderen Worten: Wer nicht verhütet, der kann sich auch nicht mit Aids infizieren! Und damit ist vom Oberhaupt der katholischen Kirche die Interviewfrage beantwortet worden, wie man dem Kontinent Afrika bei seinem immensen Aidsproblem helfen könne. Aber was will man auch von einem Papst erwarten, der auf seiner Brasilienreise im Mai 2007 gesagt hat, die Indianer hätten die Christianisierung herbeigesehnt? Oder meinte er dabei statt Christianisierung vielleicht Vernichtung?
Papst Benedikt XVI. ist ein traditionsbewusster Mensch. Folglich hat er beim Thema Verhütung die Meinung seines Vorgängers im Amt beibehalten und auf seiner Afrikareise ebenfalls vor der Verwendung von Kondomen gewarnt, sie lösten das Aids-Problem nicht. Im Gegenteil, durch sie würde es nur schlimmer werden. Warum sagte er leider nicht. Vielmehr liege die Lösung in einem »spirituellen und menschlichen Erwachen« und der »Freundschaft für die Leidenden«. Ob die Afrikaner das verstanden haben? Oder ob sie jetzt meinen, dass da ein Papst ist, dem seine Dogmen weitaus wichtiger sind als ihr Leben?
In den nächsten Jahren werden nach Schätzungen annähernd 30 Millionen Menschen in Afrika an Aids sterben, und der Führer von über einer Million Katholiken auf der Welt hat dabei nichts anderes im Sinn als seine verstaubten scheinbar moralischen Maßstäbe, die längst überholt sind. Daran lässt sich unschwer erkennen, wie »fehlbar« ein Papst doch ist, obwohl er an und für sich »unfehlbar« sein sollte. Die katholische Kirche wäre gut beraten, davon abzugehen, senile Männer auch noch zum Papst zu machen.
Letzte Änderung: 07.03.2010
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