von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Das Wort »Glaube« stammt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst soviel wie Treue oder Vertrauen. Im Gegensatz zu dieser ursprünglichen Bedeutung verwendet man dieses Wort heute im täglichen Sprachgebrauch, um auszudrücken, dass man über den fraglichen Sachverhalt nichts Genaues weiß. Der Ausdruck Glaube steht also dafür, dass einem die Wahrheit über etwas unbekannt ist.
Für einen Gläubigen im religiösen Sinne kennzeichnet dieses Wort seine innere Haltung, es drückt sein völliges Vertrauen in die Gültigkeit der religiösen Thesen, nach denen er lebt, aus. Glaube ist für ihn verbunden mit einer Gewissheit, dass es den Gott, wie ihn die Kirche beschreibt, wirklich gibt, auf den er sich absolut verlassen kann, auf dessen Aufrichtigkeit er jederzeit bauen kann. Dabei hat er seinen Gott ebenso wenig gesehen oder gehört wie die alten Ägypter ihren Gott Horus und die alten Griechen ihren Göttervater Zeus. Ein Gläubiger ist von etwas überzeugt, dass sich, und das gibt er auch unumwunden zu, jeglicher rationaler Beweisfähigkeit entzieht. Ist er dadurch unangreifbar geworden? Nein, denn er weiß von dem, was er als Wahrheit ansieht, nichts, er glaubt nur, zu wissen. Er schaltet bei der Religion seinen ansonsten eher vernunftgesteuerten Verstand aus und glaubt bereitwillig die Erzählungen der Kirchenvertreter. Warum glaubt er unbesehen, was ihm so gut wie fremde Menschen erzählen? Im Fazit werden die dafür entscheidenden Gründe genannt.
Irgendjemand, der behauptet, er habe Stimmen gehört, die ihm eine Tat befohlen hätten, befindet sich für uns entweder im Delirium tremens, oder er ist psychisch krank. Ganz anders verhält es sich aber bei dem religiösen Glauben. Wenn jemand sagt, Gott habe ihm für diese Tat den Befehl gegeben, dann wird das meistens toleriert, sofern es sich dabei nicht um ein Verbrechen handelt. Und das ist manchmal Auslegungssache. Hinzu kommt, dass uns von den Vertretern der christlichen Kirche Dinge erzählt werden, die wir nicht nachprüfen können. Dabei berichten diese Erzählungen unter anderem von höchst wundersamen Begebenheiten.
Da wurde eine Frau (Maria), die verlobt war, nicht von einem Mann, wie es normal wäre, sondern vom Heiligen Geist befruchtet. Der Heilige Geist soll ein Geistwesen sein, und er soll durch die Dreifaltigkeit * auch Gott sein. Danach wurde sie von ihrem Verlobten Joseph geheiratet, aber ihr Ehemann war eben nicht der Erzeuger ihres Kindes. Aus dieser göttlichen Befruchtung, von der bislang niemand gesagt hat, wie so etwas funktionierte, entstand ein neuer Mensch (Jesus), der zugleich nicht etwa der Sohn der Person Heiliger Geist, sondern der Sohn der Person Gottvater sein sollte. Jedenfalls hatte ein Geistwesen einen körperlichen Sohn, der am Ende stellvertretend für die ganze Menschheit starb, nur die Bevölkerung von Afrika oder den anderen Erdteilen hatte davon leider nichts mitbekommen. Und wie kann ein Mensch stellvertretend für andere sterben? Damit kann doch nur gemeint sein, dass statt Jesus eigentlich die gesamte übrige Menschheit hätte hingerichtet werden müssen. Wäre das nicht ziemlich übertrieben gewesen? So steht es in den Evangelien. Jedoch lesen wir in den beiden Evangelien nach Markus und Johannes nichts von Maria und dem Heiligen Geist, obwohl das, was sich zwischen diesen abgespielt haben soll, wirklich phänomenal war. Alle vier Evangelien berichten vom Leben und Wirken Jesu, da gehört ja wohl solch eine Zeugung dazu. Sollten etwa all die beliebten Weihnachtskrippen aus falschem Holz geschnitzt sein?
Weil es nicht sein durfte, dass ein Gottmensch drei Tage lang einfach nur tot war, nahm sich die Kirche einige Jahrhunderte später nochmals das Neue Testament vor. Und siehe da, die Welt erfuhr, dass Jesus nach seinem Tod in die Hölle hinabstieg, das Apostolische Glaubensbekenntnis spricht vom Reich des Todes, und alle Gerechten (Wer waren denn die, lebten in Afrika oder in Südamerika auch Gerechte?) seit Adam befreite. Wegen der Evolution gab es diesen zwar nicht, aber davon wusste Jesus natürlich noch nichts. In den Evangelien liest man nichts darüber, obwohl das ein ausgesprochen spektakulärer Abstieg war. Auch Jesus selbst schien davon nichts gewusst zu haben, denn nach eigener Aussage (Lk 23,43) wollte er noch am Tage der Hinrichtung im Paradies sein. Er musste aber doch ein bisschen warten, erst am dritten Tag nach seinem Tod, heißt es im Lukasevangelium (Lk 24,21ff), stand er wieder auf und fuhr in den Himmel, nach der Apostelgeschichte (Apg 1,3) fand dieses 40 Tage später statt. Was die genauen Termine seines Reiseplans anbelangt, können sich die Gläubigen also aussuchen, was sie glauben wollen. Die Kirche tendiert mehr zur Apostelgeschichte, denn Christi Himmelfahrt feiern wir rund 40 Tage nach Ostern.
Eine Fahrt setzt immer ein Gefährt voraus. Womöglich hat der wieder auferstandene Jesus so ein Gefährt genommen wie Helios, der Sonnengott der griechischen Mythologie, der den Sonnenwagen über das Firmament lenkte. Oder er ist bescheiden auf einer Wolke zu seinem Vater aufgeschwebt. Da seine Fahrt nach oben nicht näher beschrieben worden ist, was in Anbetracht des einzigartigen Geschehens recht seltsam ist, können wir über das verwendete Gefährt nichts in Erfahrung bringen. Die Himmelfahrt Jesu wird nur in den Evangelien nach Markus (Mk 16,19) und Lukas (Lk 24,51) jeweils in einem Satz erwähnt, was der Bedeutung einer leiblichen (!) Aufnahme in den Himmel keineswegs gerecht wird. Bei Matthäus und Johannes steht nichts über dieses Ereignis. Wahrscheinlich war das den Autoren dann doch zu abwegig, schließlich sollten die Evangelien ja glaubhaft sein.
Dies ist eine geradezu abenteuerliche Geschichte, die man sich praktisch nur schwer vorstellen kann, da sie das Niveau der Märchen hat, welche die gläubigen Väter ihren Kindern zum Einschlafen vorlesen. Und sie ist wie gesehen voller Widersprüche, was diese Väter aber nicht zu stören scheint.
Die Mutter von Jesus ist nach Ablauf ihres irdischen Lebens ebenfalls mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Allerdings gilt das erst richtig, nachdem es Pius XII. am 1. November 1950 allen Katholiken in einem Dogma verraten hat. Dabei war er nicht, aber er wusste es definitiv. Man kennt es von Magiern, dass sie auf der Bühne ihre Assistentin schon mal zum Schweben bringen, aber das, was dieser Papst gesagt hat, ist unbestreitbar konkurrenzlos besser. Bereits im Alten Testament wurde dafür geübt, denn auch Henoch (1 Mo 5,24) und Elija (2 Kön 2,11) verschwanden mir nichts, dir nichts in den Himmel. Ab welcher Wegstrecke zum Himmel ist Maria wohl zu einem Geistwesen geworden? Als Körperwesen, somit von dieser Welt, kann sie sich nicht im Himmel aufhalten, das physikalische Gesetz der Schwerkraft spricht dagegen. Denn stets war der Himmel, zumindest in früheren Zeiten, »da oben«. Und von oben kann man herunterfallen. Weil jetzt aber oben das Weltall ist, ist dort kein Platz mehr für den Himmel. Wo ist dann überhaupt der Himmel, irgendein Ort muss es ja sein? Oder ist dieser Ort gar nicht lokalisierbar? Das wäre gewiss die einfachste Lösung. Gott ist im Himmel, und der Himmel ist bei Gott. Genau dort wird er sein.
Alles das scheint für einen Gläubigen kein Problem darzustellen, obwohl ihm derartige Dinge wenigstens suspekt sein sollten. Übrigens gilt das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel nicht für die Protestanten, für sie ist Maria damals nicht gefahren. Die Protestanten haben mithin ein Problem weniger.
Der aufgeklärte Mensch muss akzeptieren, dass auf der Welt nur eines sicher ist: Seine biologische Existenz. Mehr weiß er nicht! So verständlich die Frage »Wo komme ich her« sein mag, zurzeit kann sie noch nicht beantwortet werden. Und da die Kirche die Evolutionstheorie und mit ihr den Urknall als Beginn des Universums aus ihrer Sicht bestätigt hat, ist die Frage nach unserer Herkunft zunächst mehr ein chemisches und physikalisches Problem.
Das war vor ein paar Jahrzehnten ganz anders. Da war Adam der erste Mensch, dann folgte die Eva, und dann die Kinder. Und jeder wusste, woher er kam, wenn er daran glaubte. Heute glauben dieses Märchen lediglich die radikalen Kreationisten, die sich nicht um die Erkenntnisse der Wissenschaft kümmern. Ihr Gott hat vor einigen tausend Jahren die Welt in sieben Tagen erschaffen, gerade so, wie es im Alten Testament steht. Solch ein Denken ist, wenn es denn Denken ist, eine Beleidigung aller Wissenschaftler, denen damit von diesen Kreationisten jegliche fachliche Qualifikation abgesprochen wird. Aber da die Kreationisten nach dem Wahlspruch »Glauben heißt nicht wissen« leben, sollte man ihre Einstellung nicht allzu ernst nehmen. Zweifellos hat sich der Homo sapiens nicht entwickelt, um dann als Kreationist zu enden.
Mit dem Begriff Intelligent Design (intelligenter Entwurf) versuchen amerikanische Neokreationisten, dem Kreationismus einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Ihre »Wissenschaft« besteht jedoch einzig und allein darin, dass sie die Evolutionstheorie durch unbewiesene Behauptungen ersetzen, wonach letztlich ein personeller Schöpfer für alles verantwortlich sein soll. Die Grundlage auch eines Neokreationisten ist und bleibt der Glaube an einen Schöpfer mit den Argumenten: Es muss doch …., es kann doch nur .…, es gibt doch keinen anderen Weg …. . Ein echter Wissenschaftler benötigt für seine wissenschaftliche Theorie Daten, die er aus nachprüfbaren und wiederholbaren Experimenten und Messungen gewinnt. Bei Intelligent Design ist nichts nachprüfbar.
Glauben ist eine Gnade Gottes, sagt die Kirche. Wer nicht glauben kann, was sie erzählt, dem hat Gott eben keine Gnade gegeben. Dabei würde ein nach logischen Kriterien urteilender Gott schlicht nicht verstehen, dass irgendwer die unbewiesenen und unlogischen Thesen der Kirche, wie sie hier aufgezeigt werden, glauben kann. Es ist also sinnlos, im Zusammenhang mit der kirchlichen Lehre kritische Fragen zu stellen und folgerichtig zu argumentieren. Ein gläubiger Mensch, der in den Zustand der Gnade der Gläubigkeit gehoben worden ist, muss keine Fragen mehr stellen. Er darf sicher darauf vertrauen, dass alles, was ihm von der Kirche erzählt wird, wahr ist. Wenn im so genannten Dritten Reich Kirchenvertreter Adolf Hitler gelobt und die Juden als »Abschaum der Menschheit« bezeichnet haben, geschah das offensichtlich deswegen, weil diese Kirchenvertreter keine Fragen gestellt haben. Mussten sie auch nicht, da sie im Zustand der Gnade des Glaubens waren.
* In der christlichen Theologie gibt es zwar nur einen Gott, aber gemäß der Lehre von der Dreifaltigkeit (Trinität) besteht dieser aus drei Personen, nämlich aus Gott „Vater“, Gott „Sohn“ (Jesus) und Gott „Heiliger Geist“. Vorstellen kann m an sich unter einer Person Heiliger Geist als Nichttheologe nur sehr wenig, man könnte ihn als Zusatzwesen verstehen. Bevor Jesus dazukam, handelte es sich demnach um eine Zweifaltigkeit.
Letzte Änderung: 18.07.2010
Es gibt sicherlich noch weitere widersprüchliche Argumente der Kirche. Sollte dem Leser solch ein Widerspruch auffallen, so kann er diesen gerne dem Verfasser und den anderen Lesern mitteilen.
Die Mitteilung sollte relativ kurz und prägnant sein und kann über die Kontaktseite oder als Leserbeitrag in Eingabeformular am Ende dieser Seite versendet werden.
Beitrag von Rudolf Kuhr
Wenn es heute einen Glauben gibt, der vertretbar ist, dann ist es der Glaube an die Bildungsfähigkeit des Menschen zu einem sozial und ökologisch handelnden, mündigen Gemeinschaftswesen und daran, daß die Natur den Menschen nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur.
Erstellt am 24.01.2008
Beitrag von Hans-Joachim Sauer
Auf einer Internetseite las ich folgende Frage:
Warum sollte Gott einen Teil von sich auf die Erde schicken, um ihn von einer antiken Besatzungsmacht hinrichten zu lassen, nur um den Menschen ihre Sünden vergeben zu können, für die er als Allmächtiger obendrein selbst verantwortlich wäre?
Solch eine einfache Frage ist doch erschütternd, zeigt sie doch auf:
Je haarsträubender eine Geschichte ist, um so besser eignet sie sich offenbar als Grundlage für einen neuen Glauben.
In dem Sinne würde ich gern auch einen neuen Glauben stiften.
Also ihr Glaubenssuchenden: Den allesgutmacher findet ihr bei mir. Ihr müßt mir nur nachfolgen, mir fünfzig Prozent Eures Barvermögens opfern und ich will Euch führen auf eine grüne Wiese…..
Und wenn Ihr mir das nicht glaubt, schwindele ich Euch nie wieder etwas vor (Eine Drohung macht sich ja im Glaubensgerüst auch immer ganz gut).
Auch die Eingangsfrage oben ist ein Nachdenken wert: Warum glaubst Du noch?
Erstellt am 27.07.2009
Beitrag von Harald Abels
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Wenn ich also weiß, dass ich nichts weiß, ist es ja nur logisch, auch zu glauben, dass ich nichts weiß.
Denn wenn ich anfange zu glauben, dass ich etwas weiß, werde ich eines Tages glauben, das zu wissen, was ich vorher nur geglaubt habe.
Dann weiß ich plötzlich, dass ich etwas weiß.
Dieses Wissen macht mir dann Glauben, anderen Menschen durch dieses Wissen überlegen zu sein.
Die, denen ich wohlgesonnen bin, werde ich versuchen, dazu zu bekehren, das zu glauben, was ich bereits weiß.
Die anderen werde ich mit bestem Wissen (oder Glauben?) und Gewissen ihrer Kultur, ihrer Würde und schließlich auch ihres Lebens berauben, um ihre Habseligkeiten denen zuzuführen, die wissen, was man glauben muss.
Gott, Jahwe, Jehova, Allah und Manitou sind in uns und wir in ihnen.
Luzifer, Satan und der Teufel auch.
Erstellt am 17.09.2009