von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Das Wort »Glaube« stammt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst soviel wie Treue oder Vertrauen. Im Gegensatz zu dieser ursprünglichen Bedeutung verwendet man dieses Wort heute im täglichen Sprachgebrauch, um auszudrücken, dass man über den fraglichen Sachverhalt nichts Genaues weiß. Der Ausdruck Glaube oder auch Glauben steht also dafür, dass einem die Wahrheit über etwas nicht bekannt ist.
Für einen Gläubigen im religiösen Sinne kennzeichnet dieses Wort seine innere Haltung, es drückt sein völliges Vertrauen in die Gültigkeit der religiösen Thesen, nach denen er lebt, aus. Glaube ist für ihn quasi eine Glaubensgewissheit, dass es den Gott, wie ihn die Kirche beschreibt, wirklich gibt, auf den er sich absolut verlassen kann, auf dessen Aufrichtigkeit er jederzeit bauen kann. Ein Gläubiger ist von etwas überzeugt, dass sich, und das gibt er auch unumwunden zu, jeglicher rationaler Beweisfähigkeit entzieht. Ist er dadurch zugleich unangreifbar geworden? Nein, ein gläubiger Mensch weiß von dem, was er als Wahrheit ansieht, nichts, er glaubt nur, zu wissen. Er schaltet beim Thema Religion seinen ansonsten eher vernunftgesteuerten Verstand aus und glaubt bedenkenlos die Erzählungen der Kirchenvertreter. Warum glaubt er unbesehen, was ihm so gut wie fremde Menschen erzählen?
Irgendjemand, der behauptet, er habe Stimmen gehört, die ihm eine Tat befohlen hätten, befindet sich für uns entweder im Delirium tremens, oder er ist psychisch krank. Ganz anders verhält es sich aber bei dem religiösen Glauben. Wenn jemand sagt, Gott habe ihm für diese Tat den Befehl gegeben, dann wird das meistens toleriert, sofern es sich dabei nicht um ein Verbrechen handelt. Und das ist manchmal Auslegungssache. Hinzu kommt, dass uns von den Vertretern der christlichen Kirche Dinge erzählt werden, die wir nicht nachprüfen können. Dabei berichten diese Erzählungen unter anderem von höchst wundersamen Gegebenheiten.
Da wird eine Frau (Maria), die verlobt ist, nicht von einem Mann, wie es normal wäre, sondern vom Heiligen Geist befruchtet. Der Heilige Geist soll ein Geistwesen sein, er soll aber durch die Dreifaltigkeit * auch Gott sein. Danach wird sie von ihrem Verlobten geheiratet, aber ihr jetziger Ehemann ist eben nicht der Erzeuger ihres Kindes. Aus dieser göttlichen Befruchtung, bei der bislang niemand gesagt hat, wie so etwas funktioniert, entsteht ein neuer Mensch (Jesus), der aber zugleich nicht etwa der Sohn der Person Heiliger Geist, sondern der Sohn der Person Gottvater sein soll. Jedenfalls hat ein Geistwesen einen körperlichen Sohn, der am Ende stellvertretend für die ganze Menschheit stirbt, nur die Menschen in Afrika oder in Amerika haben davon leider nichts mitbekommen. Und wie kann ein Mensch stellvertretend für andere sterben? Damit kann doch nur gemeint sein, dass statt Jesus eigentlich die gesamte übrige Menschheit hätte hingerichtet werden müssen. Wäre das nicht ein bisschen übertrieben?
Nach seinem Tod steigt er in die Hölle hinab und befreit alle Gerechten seit Adam, den es dank der Evolution nicht gab. Am dritten Tag nach seinem Tod steht er wieder auf, hält sich noch 40 Tage bei uns hier unten auf, und fährt anschließend in den Himmel. Eine Fahrt setzt immer ein Gefährt voraus. Vielleicht hat der auferstandene Jesus so ein Gefährt genommen wie Helios, der Sonnengott der griechischen Mythologie, der den Sonnenwagen über das Firmament lenkte. Oder er ist bescheiden auf einer Wolke zu seinem Vater aufgeschwebt. Da niemand seine Fahrt nach oben näher beschrieben hat, was doch in Anbetracht des einzigartigen Geschehens sehr seltsam ist, können wir über das verwendete Gefährt nichts in Erfahrung bringen. Diese Himmelfahrt Jesu wird nur in den Evangelien nach Markus (Mk 16,19) und Lukas (Lk 24,51) jeweils in einem Satz erwähnt, was der Bedeutung einer leiblichen (!) Aufnahme in den Himmel keineswegs gerecht wird. Bei Matthäus und Johannes liest man nichts über dieses Ereignis. Vielleicht war das den Autoren dann doch zu abwegig.
Dies ist eine wahrlich abenteuerliche Geschichte, die man sich praktisch nur schwer vorstellen kann, da sie das Niveau der Märchen hat, welche die gläubigen Väter ihren Kindern zum Einschlafen vorlesen. Das scheint diese Väter nicht zu stören.
Die Mutter von Jesus ist, lebendig oder nach ihrem irdischen Tod, darüber ist man sich nicht ganz einig, ebenfalls leiblich in den Himmel aufgenommen worden. Allerdings gilt das erst richtig, nachdem es Pius XII. am 1. November 1950 in einem Dogma allen Katholiken verraten hat. Dabei war er nicht, aber er wusste es definitiv. Man kennt es ja von Magiern, dass sie auf der Bühne ihre Assistentin schon mal zum Schweben bringen, aber das, was dieser Papst gesagt hat, ist unbestreitbar weitaus besser. Ab welcher Wegstrecke zum Himmel ist sie wohl zu einem Geistwesen geworden, oder ist sie nach wie vor als Körperwesen, somit als Mensch, im Himmel? Und wo ist überhaupt der Himmel, irgendein Ort muss es ja sein? Oder ist dieser Ort gar nicht lokalisierbar? Das wäre gewiss die einfachste Lösung. Gott ist im Himmel, und der Himmel ist bei Gott. Genau dort ist er also.
Alles das scheint für einen Gläubigen kein Problem darzustellen, obwohl ihm derartige Dinge wenigstens suspekt sein sollten. Übrigens gilt das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel nicht für die Protestanten, für sie ist Maria damals nicht gefahren. Die Protestanten haben mithin ein Problem weniger.
Der aufgeklärte Mensch muss akzeptieren, dass auf der Welt nur eines sicher ist: Seine biologische Existenz. Mehr weiß er nicht! So verständlich die Frage »Wo komme ich her« sein mag, zurzeit kann sie noch nicht beantwortet werden. Und da die Kirche die Evolutionstheorie und mit ihr den Urknall als Beginn des Universums anerkannt hat, ist die Frage nach der Herkunft des Menschen zunächst mehr ein chemisches und physikalisches Problem.
Das war vor ein paar Jahrzehnten ganz anders. Da war Adam der erste Mensch, dann kam die Eva, und dann die Kinder. Und jeder gläubige Mensch wusste, woher er kommt. Heute glauben dieses Märchen lediglich die radikalen Kreationisten, die sich nicht um die Erkenntnisse der Wissenschaft kümmern. Ihr Gott hat vor einigen tausend Jahren die Welt in sieben Tagen erschaffen, gerade so, wie es im Alten Testament steht. Solch ein Denken ist, wenn es denn Denken ist, eine Beleidigung aller Wissenschaftler, denen damit von diesen Kreationisten jegliche fachliche Qualifikation abgesprochen wird. Aber da die Kreationisten nach dem Wahlspruch »Glauben heißt nicht wissen« leben, sollte man ihre Einstellung nicht allzu ernst nehmen. Zweifellos hat sich der Homo sapiens nicht entwickelt, um dann als Kreationist zu enden.
Mit dem Begriff Intelligent Design (intelligenter Entwurf) versuchen amerikanische Neokreationisten, dem Kreationismus einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Ihre »Wissenschaft« besteht jedoch einzig und allein darin, dass sie die Evolutionstheorie durch unbewiesene Behauptungen ersetzen, wonach letztlich ein personeller Schöpfer für alles verantwortlich sein soll. Die Grundlage auch eines Neokreationisten ist und bleibt der Glaube an einen Schöpfer mit den Argumenten: Es muss doch …., es kann doch nur .…, es gibt doch keinen anderen Weg …. . Ein richtiger Wissenschaftler benötigt für seine wissenschaftliche Theorie Daten, die er aus nachprüfbaren und wiederholbaren Experimenten und Messungen gewinnt. Bei Intelligent Design ist nichts nachprüfbar.
Glauben ist eine Gnade Gottes, sagt die Kirche. Wer nicht glauben kann, was sie erzählt, dem hat Gott eben keine Gnade gegeben. Dabei würde ein nach logischen Kriterien urteilender Gott schlicht nicht verstehen, dass irgendwer die unbewiesenen und unlogischen Thesen der Kirche, wie sie auch in diesem Buch beschrieben werden, glauben kann. Es ist also sinnlos, im Zusammenhang mit der kirchlichen Lehre kritische Fragen zu stellen und folgerichtig zu argumentieren. Ein gläubiger Mensch, der in den Zustand der Gnade der Gläubigkeit gehoben worden ist, muss keine Fragen mehr stellen. Er darf sicher darauf vertrauen, dass alles, was ihm von der Kirche erzählt wird, wahr ist. Wenn im so genannten Dritten Reich Kirchenvertreter Adolf Hitler gelobt und gleichzeitig die Juden als »Abschaum der Menschheit« bezeichnet haben, geschah das offensichtlich deswegen, weil diese Kirchenvertreter keine Fragen gestellt haben. Mussten sie auch nicht, da sie im Zustand der Gnade des Glaubens waren.
* In der christlichen Theologie gibt es zwar nur einen Gott, aber gemäß der Lehre von der Dreifaltigkeit (Trinität) besteht dieser aus drei Personen, nämlich aus Gott „Vater“, Gott „Sohn“ (Jesus) und Gott „Heiliger Geist“. Bevor Jesus dazukam, handelte es sich demnach um eine Zweifaltigkeit.
Letzte Änderung: 11.03.2010
Es gibt sicherlich noch weitere widersprüchliche Argumente der Kirche. Sollte dem Leser solch ein Widerspruch auffallen, so kann er diesen gerne dem Verfasser und den anderen Lesern mitteilen.
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Beitrag von Rudolf Kuhr
Wenn es heute einen Glauben gibt, der vertretbar ist, dann ist es der Glaube an die Bildungsfähigkeit des Menschen zu einem sozial und ökologisch handelnden, mündigen Gemeinschaftswesen und daran, daß die Natur den Menschen nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur.
Erstellt am 24.01.2008