Warum glaubst Du noch? Glaubenssätze unter dem Gesichtspunkt der Logik

von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel

Limbus

Mit Limbus wird in der katholischen Lehre der Vorraum der Hölle bezeichnet, also quasi die Vorhölle. Im Gegensatz zum Fegefeuer, das schon Teil des Himmels ist, in dem aber die Seelen der gestorbenen Menschen erst einmal leiden müssen, gehört der Limbus bereits zur Hölle, wenngleich die dortigen Seelen wenig oder gar nicht leiden müssen. Ihr besonderes Leid besteht darin, dass sie ihren Gott nicht sehen können! Die katholische Kirche hat diesen Vorraum eingerichtet, um auch diejenigen Seelen unterzubringen, die ohne eigenes Verschulden nicht in den Himmel kommen können. Beim Limbus gibt es zwei Arten, also zwei verschiedene Vorräume.

Zum einen den limbus patrum, der die Seelen der längst verstorbenen Gerechten beherbergt, die leider schon auf der Welt waren, bevor Jesus Christus geboren wurde, und die ja irgendwohin mussten. Dieser Teil des Limbus ist heute leer, da Jesus jede Seele, die dort war, mit in den Himmel genommen hat. Zum anderen gibt es den limbus puerorum, in dem sich die Seelen derjenigen Kinder aufhalten, die vor der Taufe gestorben sind.

Dies ist weder ein Märchen aus grauer Vorzeit (oder doch?) noch ein Zukunftsroman, vielmehr handelt es sich dabei tatsächlich um kirchliche Lehre unseres Jahrhunderts, obwohl das der aufgeklärte Geist der heutigen Zeit kaum für möglich hält. Was für eine Vorstellung muss die Kirche von ihrem Gott haben, der Kinder, die nicht mehr getauft werden konnten, in die Hölle verbannt, auch wenn es nur die Vorhölle ist? Die Kirche sagt zwar, der Limbus als Teil der Hölle sei nie Dogma gewesen, allenfalls theologische Spekulation. Dann muss jedoch die Frage erlaubt sein, worin für einen normalen Gläubigen der Unterschied besteht. Wie lebt eine gläubige Frau, die vor der Taufe ihr Kind verliert, bei all ihrem Schmerz dazu mit der Gewissheit, dass ihr geliebtes Kind für immer in der Vorhölle sein wird, obwohl sie es so gerne im Himmel wissen möchte? Wie viele bittere Tränen mögen dadurch im Laufe der Jahrhunderte geflossen sein.

Denkt man darüber nach, kommt man zu der Überzeugung, dass der limbus puerorum der katholischen Kirche gegenüber ihren Gläubigen eine reine Zumutung war. Denn zweifellos war schwer zu vermitteln, dass ein Kind, das keine einzige Sünde begangen haben konnte, nicht in den Himmel aufgenommen werden sollte. Die Vergangenheitsform wurde gewählt, da die katholische Kirche im April 2007 den limbus puerorum endgültig abgeschafft hat. Es bestehe die berechtigte Hoffnung, heißt es, dass ein Kind, das bereits vor der Taufe gestorben sei, doch noch in den Himmel komme. Wir hoffen mit. Und da dieser Beschluss der katholischen Kirche fairerweise auch für die vielen Kinderseelen gilt, die zum Teil jahrhundertelang im Limbus ausharren mussten, hat damit ein gigantischer Umzug in den Himmel begonnen. Hoffentlich war man dort darauf vorbereitet, denn bei ihrem Gott vorher angefragt hat die Kirche nicht. Sie weiß alleine, was göttlich ist. Die katholische Kirche hat den Limbus eröffnet, und sie hat ihn wieder geschlossen. Vielleicht macht ihn ja irgendein zufünftiger Papst wieder auf.

Andererseits hat die Sache noch einen kleinen Haken. Jeder Mensch kommt sündig auf die Welt, sagt die Kirche, weil jeder mit der Erbsünde belastet ist. Daher kann er am Ende seines Lebens nur in den Himmel kommen, wenn er von der Erbsünde erlöst ist. Diese Aufgabe übernimmt die Taufe. Durch sie wird der Mensch von der Erbsünde befreit, und das Himmelstor öffnet sich für ihn. Kommen nun aber die nicht getauften Kinder sozusagen direkt in den Himmel kommen, was ist dann mit der Erbsünde? Bedeutet also die Abschaffung des Limbus zugleich die Abschaffung der Erbsünde?

Letzte Änderung: 06.03.2010

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