von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Die Omnipotenz ihres Gottes beschreibt die Kirche in der deutschen Sprache mit dem Begriff Allmacht. Gott ist allmächtig, aber auch allwissend und allgütig, sagt sie. Seine Herrschaft ist unbegrenzt, er kann alles, was er will und was sinnvoll ist. Bedeutet dies, dass er einige Dinge nicht will, obwohl er es könnte? Dann wäre ihm das im Einzelfall vorzuhalten. Und was ist mit dem Sinn einer Handlung, muss sie für uns sinnvoll sein, oder geht es um einen göttlichen Sinn, der von unserem verschieden ist und den wir als Menschen ohnehin nicht verstehen können?
Der Begriff der Allmacht Gottes wird von der Kirche gegenüber ihren Mitgliedern zunächst so gebraucht, wie er in jedem Lexikon erklärt wird. Gott könne demnach Naturgesetze außer Kraft setzen, etwa einen Stein nach oben fallen lassen, oder gegen die Wahrscheinlichkeit verstoßen und vieles mehr. Dass er dies gar nicht tut, ist eine andere Sache. Nach dieser Definition ist der Gott der christlichen Kirche für alles auf der Welt verantwortlich, sowohl für das Glück als auch für das Unglück. Kinder werden mit Aids geboren, ein Erdbeben tötet zehntausende Menschen, oder ein Tsunami kostet viele Menschenleben. Sollte man nicht erwarten, dass er als Allmächtiger dieses alles verhindern würde?
Die Kirche kennt diese Gegenargumente und versucht daher, den Begriff der Allmacht in einer Weise zu definieren, die ihr ermöglicht, die Antwort auf solche kritischen Fragen schuldig zu bleiben. Kardinal Lehmann schreibt in seinem Buch »Mut zum Umdenken« im Jahre 2003 zu diesem Thema:
»Schon immer gab es heimlichen oder lauten Protest gegen den Glauben an die Allmacht Gottes. Das himmelschreiende Unrecht und alles Fürchterliche in der Welt straften das Wort vom Allmächtigen Lügen. Die Rede über Gott und die Erfahrung der Wirklichkeit prallten an dieser Stelle immer schon so heftig aufeinander wie sonst nicht. Die Erfahrung von Auschwitz hat für viele jede Rede von der Allmacht Gottes geradezu gelähmt. Die Welt ist voller Klagen.
Man darf Gottes Allmacht nicht als Steigerung weltlicher Herrschaft denken. Unsere Erfahrungen mit Unterdrückung und Überwältigung dürfen nicht Ausgangspunkt und Maß für das Denken von Gottes Allmacht sein. Er steht über den Gegensätzen von Macht und Ohnmacht. Allmacht hat nichts mit Beliebigkeit und Willkür zu tun. Allmacht darf man nur von der Einzigartigkeit Gottes her denken. Es bleibt dennoch ein schwieriges Wort. Die Rede von der Allmacht Gottes muss damit fertig werden, dass der wahre Messias ein armer Mensch war, der nicht einmal in der Lage war, sein Kreuz allein zu schleppen.«
Während der erste Absatz den Istzustand beschreibt und ihm damit jeder Leser ohne weiteres zustimmen kann, folgt im zweiten Absatz scheinbar die Erklärung. Da heißt es, Gott sei wohl allmächtig, aber gleichzeitig träfe auf ihn die menschliche Vorstellung von Allmacht nicht zu. Gott sei in dieser Beziehung anders, eben göttlich. Demzufolge erhebt sich logischerweise sofort die Frage, worin denn das Anderssein besteht. Die Antwort aber bleibt der Kardinal schuldig, außer schönen Worten ist nichts gewesen. Ein Deutschlehrer würde bei einem Klassenaufsatz mit roter Tinte an den Rand dieses zweiten Absatzes schreiben: Thema verfehlt! Wenn Gottes Allmacht mit dem, was der Mensch gemeinhin darunter versteht, nicht identisch sein soll, dann ist für diesen Begriff erkennbar das falsche Wort gewählt worden. So handelt es sich um ein Wort ohne jegliche Aussage.
Scon besser ist da das Argument der Kirche, dass Gott den Menschen ihren freien Willen gelassen habe, im Guten wie im Bösen. Also ist z.B. das Unfassbare in Auschwitz geschehen, weil es die Nazis so wollten. Zweifellos ist das der Grund. Aber warum hat Gott den Menschen ihren freien Willen gelassen, wo er doch als Allwissender vorher wissen musste, was dabei herauskommen kann? Außerdem sollte der freie Wille bei diesen traurigen Dimensionen keine Rolle mehr spielen. Offenbar wollte Gott nicht helfen und Millionen von Menschenleben retten, als Allmächtiger hätte er es ja können. Und es heißt, Gott sei barmherzig, ein Gott der Liebe, die Güte selbst. Wenn er das wäre, hätte er dann nicht die Millionen von unschuldigen Menschen erst recht retten müssen? Was nützt es, dass die Kirche behauptet, er sei allgütig, wenn er diese ihm nachgesagte moralische Qualifikation nicht umsetzt? Ist er überhaupt gütig, oder ist die Güte wieder so ein Begriff, der für Gott eine andere Bedeutung hat als für uns? Was soll dann dieser Begriff?
Im Jahre 1976 ereignete sich in China ein großes Erdbeben mit offiziell 240000, inoffiziell geht man dabei von 800000 Toten aus. Nun wissen wir seit langem, wie ein Erdbeben entsteht, von der Schuld eines Menschen kann dabei unstreitig nicht die Rede sein. Hätte nicht ein allmächtiger Gott diese vielen Menschleben retten müssen, müsste er das nicht bei allen Erdbeben tun? Da das aber bislang nicht eingetreten ist, muss man sich fragen: »Was hat sich Gott dabei wieder gedacht?«
Letzte Änderung: 03.03.2010
Es gibt sicherlich noch weitere widersprüchliche Argumente der Kirche. Sollte dem Leser solch ein Widerspruch auffallen, so kann er diesen gerne dem Verfasser und den anderen Lesern mitteilen.
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Beitrag von Klaus Dede
Die Christen kommen in den Tulter, weil sie einerseits Gott als allmächtig bezeichnen, ihn aber überdies mit moralischen Eigenschaften ausstatten, etwa mit der »Liebe«, der »Barmherzigkeit« und Ähnlichem, aber dann gerät man in Schwierigkeiten, wenn einem das Argument vorgehalten, das schon Voltaire vortrug, als ein Erdbeben Lissabon zerstörte.
Für die Juden (siehe Hiob) ist Gott der »Baal«, der souverän handelt und dafür Niemandem Rechenschaft schuldig ist. Wenn der etwa Auschwitz zulässt, oder aber das zitierte Erdbeben in China, dann ist das eben sein Will, den der Mensch klaglos hinnehmen muss. »Tel est mon bon plaisir,« sagten die barocken Könige, wenn sie etwa einen Menschen hinrichten ließen. Mehr war dazu nicht zu sagen.
Erstellt am 11.10.2008
Beitrag von R. Gabriel
In Bezug auf das Erdbeben in obigen Beitrag ist einem Gott nicht unterlassene Hilfeleistung vorzuwerfen sondern Vorsatz. Gott hat die Welt erschaffen heist es. Ergo hat er das Erdbeben auslösende Element, die tektonische Plattenverschiebung, gleich mit eingebaut.
Ein allwissender Schöpfer hätte also vorraussehen können das seine geschaffene Welt, dem von ihm geschaffenen Menschen, großen Schaden zufügen kann. Somit ist die Straftat des vorsätzlichen Massenmords erfüllt.
Erstellt am 19.02.2009