Warum glaubst Du noch? Glaubenssätze unter dem Gesichtspunkt der Logik

von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel

Offenbarung

Wenn das Wort Offenbarung genannt wird, dann fällt einem sofort der Begriff Offenbarungseid ein. Leistet ein Schuldner diesen Offenbarungseid, so erklärt er damit, dass er seine Vermögensverhältnisse offen gelegt und dabei die völlige Wahrheit gesagt hat. Und er erklärt damit, dass er seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Gläubiger nicht nachkommen kann, weil er keinerlei Reserven mehr hat. Der Begriff der Offenbarung assoziiert bei uns also sofort die unbedingte Wahrheit.

Auch im religiösen Sprachgebrauch wird mit diesem Ausdruck ein uneingeschränkter Wahrheitsanspruch verbunden. Die christliche Kirche spricht von einer »göttlichen Offenbarung«, als ob ihr Gott persönlich gesprochen hätte. In der christlichen Religion bedeutet folglich das Wort Offenbarung, dass Gott selbst den Menschen auf übernatürlichem Wege etwas mitgeteilt hat. Für diese Botschaft an die Menschheit bedient sich Gott eines Engels oder eines (menschlichen) Propheten. Der Inhalt einer Offenbarung verkörpert für die Gläubigen die absolute Wahrheit, das dadurch erlangte Wissen wird nicht in Frage gestellt. Die Kirche spricht von »göttlichem Willen« oder sogar von »göttlicher Wahrheit«, da sie so etwas für ihre Lehre braucht. Besser wäre es natürlich für sie, ihr Gott würde mit Feuer und Schwefel auf dem Petersplatz in Rom landen und sie könnte sagen: »Siehste, es gibt ihn doch!« Gleichzeitig wäre das ein Akt der Ökumene. Aber da ihr Gott diesen Gefallen nicht tut, ist sie wie bisher darauf angewiesen, dass ab und zu ein Mensch schwört, ihm wäre Gott in Person oder wenigstens ein Engel erschienen.

Die Kirche bezeichnet das letzte Buch des Neuen Testaments der Bibel als die »Offenbarung des Johannes«. Es umfasst 22 Kapitel und ist als Johannesapokalypse bekannt. Eine durchaus treffende Bezeichnung, weil sich darin barbarische und zugleich erbarmungslose Schilderungen gegenseitig überbieten. Johannes beschreibt als Prophet Gottes in Visionen das (von ihm) erwartete Ende der Welt, wonach das Reich Gottes zu seiner Vollendung gelangen wird. Jesus, gestorben und wieder auferstanden, wird auf die Erde zurückkehren und das Reich Gottes errichten, in dem er regieren wird. Sozusagen wird das der Himmel auf Erden werden. In Kapitel 22/7 dieser Offenbarung sagt der dem Johannes erschienene Jesus: »Und siehe ich komme bald«. Nun wissen wir zwar nicht, was Jesus damals wohl unter dem Wort »bald« verstanden hat, nur sind seit dem bereits rund 2000 Jahre vergangen, und nichts ist passiert, jedenfalls was die von Gottes Sohn verkündete Botschaft anbelangt. Und die Welt besteht auch immer noch. Wir müssen also noch etwas warten. Liest man die Offenbarung des Johannes, dann fällt es dem aufgeklärten Leser zwischendurch schwer, dabei ernst zu bleiben. Denn der Fantasie des Erzählers sind keine Grenzen gesetzt. Ein Beispiel ist die Thronsaalvision des Johannes, in der er den Thronsaal Gottes ausmalt.

»Danach sah ich: Eine Tür war geöffnet am Himmel; und die Stimme, die vorher zu mir gesprochen hatte und die wie eine Posaune klang, sagte: Komm herauf, und ich werde dir zeigen, was geschehen muss. Sogleich wurde ich vom Geist ergriffen. Und ich sah: Ein Thron stand im Himmel; auf dem Thron saß einer, der wie Jaspis und Karneol aussah. Und über den Thron wölbte sich ein Regenbogen, der wie ein Smaragd aussah.
Und rings um den Thron standen vierundzwanzig Throne, und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste in weißen Gewändern und mit goldenen Kränzen auf dem Haupt. Von dem Thron gingen Blitze, Stimmen und Donner aus. Und sieben lodernde Fackeln brannten vor dem Thron; das sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall. Und in der Mitte rings um den Thron waren vier Lebewesen voller Augen, vorn und hinten. Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler. Und jedes der vier Lebewesen hatte sechs Flügel, außen und innen voller Augen. Sie ruhen nicht, bei Tag und Nacht, und rufen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung; er war, und er ist, und er kommt.«

Dies klingt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Alles wird dabei auf die naive Art und Weise beschrieben, wie sich eben damals die Menschen Gott im Himmel vorgestellt haben. Vor allem die Stelle, bei der vom Thron Blitze und Donner ausgehen, ist schon beeindruckend. Da weiß man doch gleich, wessen Thron das sein muss. In einem hat sich Johannes geirrt. Er hielt nämlich denjenigen, der auf dem Hauptthron saß, für Gott. Aber Gott soll, das kann man überall nachlesen, ein körperloses Wesen sein. Wen hat Johannes also gesehen? Gott wohl nicht. Wer war dieser Johannes eigentlich? Nach der heutigen theologischen Forschung handelt es sich dabei weder um den Apostel noch um den Evangelisten.

Jahrhundertelang wurde von den Theologen am Buch der Offenbahrung herumgedeutet, die Visionen des Johannes wurden eifrig interpretiert. Das Ganze nennt sich dann Religionswissenschaft. Auf die Idee, dass dieser Johannes ohne Hintergedanken meinte, was er sagte, sind sie bislang nicht gekommen, oder wollten sie es nicht? Übrigens haben die Zeugen Jehovas, eine sich ebenfalls auf Christus berufende Religionsgemeinschaft, auch ein paar Mal konkret das Ende der Welt erwartet. Nachdem diese Erwartung stets nicht eingetreten ist, haben sie weitere Zeithinweise auf dieses Ereignis unterlassen.

Letzte Änderung: 06.03.2010

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