Warum glaubst Du noch? Glaubenssätze unter dem Gesichtspunkt der Logik

von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel

Allwissenheit

Der Gott der Christen sei nicht nur allmächtig und allgütig, sondern dazu noch allwissend, sagt die Kirche. Solch ein Gott müsste von jedem einzelnen Menschen, der zurzeit auf der Erde lebt (mehr als 6,75 Milliarden Menschen), allumfassend wissen, was dieser warum gedacht und getan hat, was er zurzeit denkt und tut, und was er demnächst denken und tun wird, und zwar in jedem Augenblick seines Lebens. Verheimlichen könnte man ihm also nichts. Gottes Allwissenheit gilt, sagt der katholische Kurz-Katechismus, für das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige. Demnach würde er ebenso wissen, was die Milliarden Menschen, die bereits verstorben sind, zu Lebzeiten gedacht und getan haben, oder hat er das bereits vergessen? Weiß er dann auch, was diejenigen zig Milliarden Menschen einmal denken und tun werden, die erst noch geboren werden? Was muss das für ein Wesen sein, das diese unfassbare Menge von Daten, die es außerdem zum großen Teil noch gar nicht gibt, parat hat?

Wenn Gott alles wüsste, dann müsste er jeden Erdenbürger verstehen können. Nach Schätzungen gibt es auf unserer Welt zwischen 2500 und 10 000 Sprachen. Alle diese verschiedenen Sprachen müsste er beherrschen, ansonsten wäre er nicht allwissend. Und auch weil die Menschen quasi immer in ihrer Sprache denken, müsste Gott ihre Sprache sprechen, um somit ihre Gedanken lesen zu können. Früher hat Gott selbst gesprochen, denn aus der Bibel geht hervor, dass er eine Stimme hat. Wie mag das funktionieren, wenn ein Wesen spricht? Für uns Menschen ist Sprechen mit den Stimmbändern und der Zunge verbunden, die ein körperloses Wesen nicht hat. Warum hat er uns etwas gegeben, was er selbst nicht besitzt? Wie ist er auf die Idee gekommen, dass Sprechen geradeso wie bei uns ablaufen kann, und nicht kurzerhand göttlich? Denn er hat doch die Evolution, also die natürliche Selektion, in der Weise beeinflusst, dass unser Leben sich so entwickeln konnte, wie es ist, sagt die Kirche.

Das ist alles sehr unglaubhaft. Ein Gläubiger würde hierzu sagen, das wäre ein Beweis dafür, dass Gott göttlich ist. Was man nicht erklären kann, wird damit einfach als göttlich deklariert. Aber das wäre in der Tat ein bisschen wenig, von einem Homo sapiens sollte man doch mehr erwarten. Und ein Beweis wäre es schon gar nicht, eher ein Beweis für das Gegenteil, denn er scheint ja wohl das meiste auf der Welt nicht mitzubekommen. Obwohl der Kurz-Katechismus als jedem einleuchtende Erklärung sagt, dass Gott allwissend ist, weil er alles weiß (!), bleibt dennoch oder gerade deswegen als logischer Schluss, dass es mit der Allwissenheit des Kirchengottes nicht allzu weit her sein kann.

Letzte Änderung: 18.07.2010

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Leserbeiträge

  1. Beitrag von Klaus Dede

    Gott weiß nicht nur, was jeder Mensch gedacht, gesagt und getan hat, sondern auch, was jeder künftige Mensch denken, sagen ud tun wird und das bis an das Ende der Tage. Das ist Gegenstand der Prädestinationslehre, die allen christlichen Denominationen, allerdings in unterschiedlicher Ausprägug, gemeinsam ist.

    Erstellt am 11.10.2008

  2. Beitrag von Reinhard Rösler

    Wenn Gott im Vornherein weiß, was jeder Mensch denken und tun wird, so ist sowohl Willens- als auch Handlungsfreiheit unmöglich. Denn er MUSS ja so denken und handeln, wie er aus Gottes Sicht schon gehandelt hat. Hätte er eine Alternative der Entscheidung, könnte Gott es nicht wissen. Dies aber führt die Ideen von Sünde, Schuld und Sühne, ja sogar von göttlichen Geboten ad absurdum. Welchen Zweck haben Regeln, wenn ich in Wahrheit nicht die Wahl habe, sie zu brechen oder zu befolgen?

    Gruß
    Reinhard Rösler

    Erstellt am 07.01.2010

  3. Beitrag von Gerd

    Allwissenheit und Allmacht schließen sich aus. Wenn Gott alles weiß, was in der Zukunft passieren wird, dann kann er es nicht ändern, somit wäre er nicht allmächtig. Sollte er es aber doch ändern, dann hat er es nicht gewusst, und somit ist er nicht allwissend.
    Es ist jedoch sinnlos darüber zu spekulieren, da es Gott nicht gibt, was es aber wohl gibt, ist eine hoch kriminelle Sekte namens Kirche. Mann sollte nur die letzten 2000 Jahre betrachten. Völkermord, Raub, Inquisition, Verfolgung, Kreuzzüge usw. Und das im Namen eines Gottes der Allwissend und Allmächtig ist? Ja dann. Mein Hund ist wissender und mächtiger.

    Also was ist Gott?

    MfG
    Gerd

    Erstellt am 21.03.2010

  4. Beitrag von Peter Döring

    Gottes Allmächtigkeit macht jenseits aller physikalischen Überlegungen insofern auch Sinn, als dass die Verehrung und das Beten zu einem unvollkommenen, wenngleich mächtigen Wesen mit dem Ego, Anspruch und Selbstverständnis etlicher Glaubenden unvereinbar sind. Schon der Verlust der Jungfräulichkeit der Mutter Gottes ist für konservative Kräfte unerträgliche Nestbeschmutzung und steht im Gegensatz zur (gewollt) inszenierten Überhöhung des Sohns und damit ihrer selbst. Eine Religion, die nur Furcht und Schrecken verbreitet und bei der man sich nicht wohl fühlt, wird nicht lange Bestand haben. Je weniger man nun über den Geist und den Menschensohn weiß, umso einfacher lässt er sich formen und transzendieren. Alle möglichen unüberprüfbaren Attribute können ihm dann zugesprochen werden und zurück bleibt ein unangreifbares luftiges Gebilde, befreit von allem jetzigen irdischen Sein. Um dem entgegenzuwirken, erinnert das Abbild des leidenden Menschensohnes am Kreuz permanent an die behaupteten realen Begebenheiten. Die angenommene Allmächtigkeit macht es dem Glaubenden dann einfacher, Kraft aus der eigenen Überzeugung für das eigene Leben aufzubringen. Da man sich nämlich als Teil des göttlichen Ganzen fühlen kann und dieses zudem in Gemeinschaft mit anderen Glaubenden und einflussreichen Vorbetern auch Woche für Woche zelebriert und damit (suggestiv) bestätigt, ist diese Aufwertung des eigenen Ichs und der stattfindende Sozialkontakt gut für das Selbstwertgefühl und psychische Wohlbefinden.
    Die wenigsten Gläubigen stören sich deshalb allzu sehr an den auftauchenden Widersprüchen und denken etwas ernster darüber nach, warum ausgerechnet ihre Religion im Vergleich zu den vielen anderen wahr sein soll. Denn viele der anderen Göttern sind und waren schließlich ja auch mehr oder weniger Weltenlenker, forderten Gehorsam, Unterwerfung und Opfer, versprachen ebenfalls die Erfüllung von Bittgebeten usw.. Was mir bei etlichen Gläubigen unangenehm aufstößt ist der im Brustton vollster Überzeugung vorgetragene absolute Wahrheitsanspruch der eigenen Überzeugung. Links und rechts daneben ist nur noch Platz für Ungläubige und Abweichler. Es wird gerne komplett ausgeklammert, dass sich die Religionen gegenseitig widersprechen. Diese Tatsache ist umso einfacher zu übersehen, je mehr man von seinesgleichen umgeben ist.
    Recht haben kann aber in dem Fall nur einer, und somit liegen alle anderen daneben. Insofern ist die Anmaßung, mit der Gläubige welcher Richtung auch immer den Staat und seine Institutionen mit ihrem Glauben verquicken, fatal. Was theoretisch für einige denkbar ist, dürfen dann als Folge real alle Beteiligten ausbaden (bis auf jene, die davon profitieren), unabhängig von ihrem eigenen Glauben und ihren Überzeugungen.
    Aber mit solchen und anderen Widersprüchen lässt es sich für viele offenbar leichter leben, als auf die Nestwärme der Gemeinschaft, das Versprechen des ewigen Lebens und den großen Zuhörer und Realisierer aller Bittgebete zu verzichten.

    Erstellt am 01.05.2010

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