Warum glaubst Du noch? Glaubenssätze unter dem Gesichtspunkt der Logik

von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel

Gott

Die Gläubigen haben keine konkrete Vorstellung davon, wie ihr Gott, gemeint ist hier Gottvater, wohl aussehen mag. Gott sei ein Wesen, sagen sie. Die Kirche predigt, Gott sei ein Geistwesen, also ein Geist ohne Körper. Bei diesem Begriff »Geistwesen« ist eine weitere Erklärung offenbar nicht erforderlich, scheinbar ist damit alles gesagt. Im Endeffekt kann aber keiner erläutern, was ein Geistwesen sein soll. Ist es eine unsichtbare Masse, die alles durchdringt, wie in einigen Zukunftsromanen dargestellt wird? Oder ist Gott nur eine Fiktion, die sich die Menschen geschaffen haben, um dadurch alles auf der Welt erklären zu können, wobei dann die Erklärungen auf solch einer Basis in Wirklichkeit keine sind? Dies trifft schon eher zu. Auch für die Mächtigen auf der Welt und für die Kirchenvertreter war und ist die Fiktion Gott äußerst nützlich, obwohl sie den Beweis ihrer nach »oben« gerichteten stetigen Warnungen allzeit schuldig bleiben müssen.

In den künstlerischen Darstellungen der alten Meister wurde Gott häufig als übergroße Vaterfigur gezeigt, die gütig oder auch zornig auf die Welt herabschaute. Es heißt, Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. Obwohl man laut Evolutionstheorie von einer Erschaffung der Menschen nicht mehr reden kann, hätte dennoch dieser Gott, sagt die Kirche, die Evolution derart beeinflusst, dass am Ende der Mensch in seiner bekannten Form herausgekommen sei, und zwar als Ebenbild Gottes. Die Kirche wird mit dieser Formulierung sehr zufrieden sein. Umgekehrt müsste demnach Gott letztlich so aussehen wie wir. Bevor sich jetzt die Kirchenvertreter zufrieden im Sessel zurücklehnen und sich anschicken zu lächeln, sei gesagt, dass es sich bei dem Begriff Ebenbild beileibe nicht um den Habitus handeln muss. Der Mensch wurde von Gott geschaffen, und er soll bzw. sollte reden wie Gott, handeln wie Gott und denken wie Gott, weil das Wesen des Menschen von Gottes Geist und Willen geprägt ist. Dies sind die Worte der Kirche, mit Äußerlichkeiten müssen wir uns also nicht aufhalten.

Ein guter Mensch handelt so, wie auch Gott in der Situation handeln würde, und Gott ist »gut«, sagt die Kirche. Da aber Gott noch niemand auf der Welt gesehen und gesprochen hat, und immer nur erzählt wird, wie seine Ansichten und Denkweisen sein sollen, muss tatsächlich der Mensch, der ja existiert, das Maß der Dinge sein und nicht umgekehrt. Bei der Beurteilung, ob etwas gut oder schlecht ist, legen die Kirchenvertreter ihre eigenen Maßstäbe an. Sie behaupten hingegen, dass es ihr Gott so sehe, beweisen können sie es nicht. Im Übrigen muss die Alternative, ob eine Sache gut oder schlecht ist, was hier nicht thematisiert werden soll, im Einzelfall relativ betrachtet werden.
In der heutigen Zeit darf ein Gott nicht »schlecht« sein, denn das könnte die Kirche ihren Gläubigen nicht zumuten. Aber wie war dieser Gott in den Zeiten der Kreuzzüge, der Ausrottung der Indianer, der Inquisition oder der Hexenverbrennungen? Hat sich sein Charakter seitdem ins Gegenteil gekehrt, oder waren die Kirchenvertreter hier auf Erden charakterlos und mörderisch? Denn die hatten versucht, sich mit den Worten zu rechtfertigen, dass dieses – verbrecherische – Handeln der Kirche gerade im Hinblick auf Gott sein müsste. Vorausgesetzt ihr Gott war trotz allem gut, und welcher Pastor würde das je bezweifeln, muss er sich viele Jahrhunderte lang mit Grausen von seiner Kirche abgewendet haben.

Die Existenz eines Gottes wird von der Kirche zur Tatsache erhoben, und sie verlangt, dass ein Nichtgläubiger dessen Existenz widerlegen muss. Bei logischer Betrachtung verhält es sich genau umgekehrt. Ein Gläubiger muss nämlich beweisen, dass es einen Gott gibt, womit sich die Kirche sehr schwer tut, da dies unmöglich ist.

Für die Menschen sind Anfang und Ende irgendeiner Sache eindeutig definiert. Das Leben beginnt mit der Zeugung im Mutterleib und es endet mit dem Tod. Das Universum hat nach jetziger Kenntnis mit dem Urknall angefangen, für die Wissenschaftler ist er überdies der Beginn von Raum, Zeit und Materie. Alles ist einmal erschaffen worden, nur Gott ist niemals erschaffen worden, er ist schon immer da, sagt die Kirche. Während die gläubigen Menschen im täglichen Leben durchaus kritisch sind, vieles hinterfragen und nach der Ursache suchen, fragen sie bei Gott nicht weiter. Sie sind zufrieden damit, dass es ihren Gott schon ewig geben soll, seine Ewigkeit ist für sie quasi die Erklärung für alles. Dabei ist eine Sache, die keinen Anfang hat, für den menschlichen Geist nun einmal nicht nachzu-vollziehen. Doch anstatt, wie in anderen Fällen genauso, zuzugeben, dass ihr Wissen über die fraglichen Zusammenhänge tatsächlich nicht einmal im Ansatz vorhanden ist, haben sie sich für den Weg des kritiklosen Glaubens entschieden. Wer auf diesem Weg nicht mitgehen will, wie einst Giordano Bruno, der auf dem Scheiterhaufen endete, der verleugnet ihrer Meinung nach Gott.

Und woher weiß die Kirche, dass ihr Gott ewig ist? Sie glaubt es. Ihr überzeugendes Argument ist, dass es doch gar nicht anders sein könne, und das ist für die Gläubigen Beweis genug. Bedenkenlos die Ewigkeit als Erklärung ins Spiel zu bringen, sollte sich jedoch für den bereits beträchtlich entwickelten Geist verbieten.

Letzte Änderung: 08.03.2010

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Leserbeiträge

  1. Beitrag von Pucette

    Wie kann es sein, dass in der Kirche immer noch der Zorn als eine der sieben Todsünden gilt? Wer war denn zuerst zornig? Richtig: Gott war der Erste, welcher zornig war. Immerhin heisst es ja auch in der Bibel, dass Gott ein zorniger Gott ist.

    Dann noch die zehn Gebote. Ich mag hier jedem Leser empfehlen, sich diese in ihrer fast unbekannten Langfassung durchzulesen. Immerhin geht es innerhalb eines anderen Themas hier auch um das fünfte Gebot.

    In den zehn Geboten heisst es, dass ein Kind Vater und Mutter ehren soll. So weit – so gut. Was soll mit dem Kind geschehen, wenn es Vater und Mutter flucht? (und wir wissen, dass es sicher nicht nur gute Väter und Mütter gibt) Es soll sterben. Am Besten gesteinigt werden.

    Die zehn Gebote können also, wenn man es genau nimmt, ein Aufruf zum Kindesmord gelten. Jeder weiss sicher, wie Jugendliche sich verhalten können. Sollen jetzt alle Eltern ihre pupertierenden Kinder ermorden oder ermorden lassen? Und was passiert mit den Henkern? Sollen die gleich anschliessend auch gesteinigt werden? Immerhin haben die ja auch gegen das fünfte Gebot verstossen…

    Der Gott der Bibel ist also ein Gott, welcher Zorn und Mord gutheisst, obwohl sie eigentlich, laut seiner »Gesetzgebung«, verboten sind. Als wenn sich alle, außer halt Gott selber, an diese Gesetze halten müssen.

    Aber, diese Gedanken führen zu weit. Sollte man trotzdem mal drüber nachdenken, finde ich.

    Grüße von der nachdenklichen Pucette

    Erstellt am 25.01.2009

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