von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Zu Beginn dieses Kapitels soll ein bis dato unabänderliches Faktum stehen: Niemand auf der Welt weiß irgendetwas Reales von einem Gott. Weder ein normaler Gläubiger, ein Priester, ein Bischof noch ein Papst. Dennoch gibt es Menschen, die vorgeben, ihn genau zu kennen. Es sind die Vertreter der Kirche, die uns permanent erzählen, dass es einen Gott gibt, wie er denkt und wie er reagieren würde, wenn er reagieren würde, und dass er den Lauf der Welt bestimmen würde. Und wir erfahren durch sie, dass er allmächtig, allwissend und allgütig sein soll.
Dieses führt aber im realen Leben automatisch zu Widersprüchen, dem so genannten Theodizee-Problem. Das Wort Theodizee kommt aus dem Griechischen und bedeutet »Rechtfertigung Gottes«. Es steht für das Problem, das sich daraus ergibt, wie die Existenz eines Gottes mit derart umfassenden Eigenschaften mit dem Vorhandensein des Übels auf unserer Welt vereinbar ist. Mit dem ein wenig antiquiert klingenden Wort Übel wird gemeinhin etwas für das Leben des Menschen Negatives charakterisiert. Hierzu gehören Erdbeben, Krankheiten, Kriege, Überschwemmungen, Völkermord, um nur einige Übel beim Namen zu nennen. Dadurch sind nicht selten Menschen wie Tiere unbeschreiblichem Leid ausgesetzt. Allerdings folgt das Theodizee-Problem nur, falls der Gott der Kirche gut ist und deshalb auch dem Guten zum Sieg verhelfen sollte. Das er »gut« ist, ist fester Bestandteil der kirchlichen Lehre. Und durch das Gute ist zugleich sein Gegensatz, das Böse oder das Übel, definiert. Bei dem Theodizee-Problem ergeben sich damit folgende Aussagen:
Kann Gott das Übel nicht verhindern, obwohl er es erkennt, dann ist er nicht allmächtig.
Kann Gott das Übel nicht verhindern, da er nichts davon weiß, dann ist er nicht allwissend.
Will Gott das Übel nicht verhindern, obwohl er es könnte, dann ist er nicht allgütig.
Kann und will Gott Übel verhindern, dann dürfte es auf der Welt kein Übel geben.
Die Aussage dieser vier Sätze spricht aus logischen Gründen eindeutig gegen die Theorie der Kirche, dass ihr Gott gleichzeitig allmächtig, allwissend und allgütig sei. Der Kirche ist diese fundamentale Frage natürlich unangenehm, weil sie das Wesentliche ihres verkündeten Gottesglaubens berührt. Dementsprechend wird in der Gegenwehr einiger Gläubiger diese Frage als anmaßend zurückgewiesen, womit sie für sie ohne wenn und aber nicht zulässig ist. Diese Art zu reagieren passt nicht mehr in die heutige Zeit, sie ist nichts anderes als ein Weglaufen vor der Wirklichkeit.
Andere bringen den Teufel ins Gespräch, der allein sei verantwortlich für das Übel in der Welt. Aber ist nicht der Gott der Kirche viel mächtiger als der Teufel, nämlich allmächtig? Warum verhindert er dann nicht, dass z.B. ein neugeborenes Kind mit dem Aidsvirus infiziert ist und sterben muss? Und da er außerdem allwissend sein soll, muss er doch vorher gewusst haben, was alles an grausamem Leid entstehen wird, wenn er den Teufel erschaffen wird. Wer allmächtig ist, der hat auch den Teufel erschaffen! Oftmals wird darauf hingewiesen, dass Gott die Menschen mit einem freien Willen ausgestattet habe, und der sei an allem Schuld. Abgesehen davon, dass ein allgütiger Gott stets für das Gute Partei ergreifen müsste, gibt es die Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche, die mit dem freien Willen der Menschen nichts zu tun haben.
Es gibt Gläubige auf der Welt, die der Ansicht sind, Gott habe ein Erdbeben oder eine Überschwemmung geschickt, um die Menschen zu bestrafen, obwohl das nicht gerade für seine Allgüte spräche. Denn warum sollte ein Fischer aus Sri Lanka durch einen Tsunami sterben müssen, wenn ein Mafioso aus Sizilien gemeint ist? Für diese Gläubigen ist ihr Gott immer noch der – ohne Ansehen der Person – strafende Gott des Alten Testaments, der an den Menschen ein grausames Exempel statuiert hat. Das Neue Testament ist, wie der Name schon sagt, neuer als das Alte Testament, und danach würde Gott so etwas nie mehr tun, das war früher. Ihr Gott hat sich demnach geändert, diese Menschen aber nicht.
Ein fadenscheiniger Widerspruch in der täglichen Glaubenspraxis ist das Gegenargument, Allmacht und Allgüte Gottes könne man nicht mit unseren Maßstäben beurteilen. Denn einerseits verwendet die Kirche seit Jahrhunderten gegenüber ihren Gläubigen diese allgemeinverständlichen Begriffe und übt damit in der Konsequenz einen gewissen Druck auf sie aus. Und andererseits sagt sie beim Theodizee-Problem, dass sich diese Begriffe unserer Vorstellungskraft entzögen. Daher besteht der Verdacht, dass in der kirchlichen Lehre hinter den Worten Allmacht und Güte Gottes schlichtweg gar nichts steht. Mitunter hört man, dass jemand, der unsagbares Leid ertragen muss, dafür nach seinem Tod belohnt wird. War Gott also gütig, indem er ihn hat leiden lassen? Es gibt sogar Gläubige, die behaupten, ihr Gott ließe Übel zu, damit die Menschen auf diese Weise Mitgefühl lernen und Solidarität üben könnten. Erdbeben, Tsunamis, Hungersnöte mit hunderttausenden von Toten, die Ermordung von Millionen von Menschen in Gaskammern, all das und noch vieles mehr geschah demnach allein zu dem Zweck, dass damit die nicht betroffenen Menschen zu moralischen Persönlichkeiten erzogen würden. Welch grenzenloser Zynismus spricht aus diesen Worten, die nichts anderes als den gänzlich misslungenen Versuch darstellen, Allmacht und Allgüte des Gottes irgendwie zu retten.
Auf all diese Fragen gibt es von Seiten der Kirche keine zufrieden stellenden Antworten, in den Augen nicht weniger Gläubiger sind diese Fragen vermessen. Wer keine Fragen zulässt, der muss auch keine Fragen beantworten. Der Mensch soll glauben und nicht nachfragen. Den Rest besorgt dann die Kirche.
Letzte Änderung: 30.06.2010
Es gibt sicherlich noch weitere widersprüchliche Argumente der Kirche. Sollte dem Leser solch ein Widerspruch auffallen, so kann er diesen gerne dem Verfasser und den anderen Lesern mitteilen.
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Beitrag von Peter Döring
In dem Zusammenhang frage ich mich, inwiefern die Existenz des Teufels Gottes Allmacht und Allwissenheit bereits in Frage stellt. Der Teufel war ja ein Engel…Warum also ließ Gott es zu, dass aus ihm das wurde? (Auch der Teufel hat jetzt so seine Kommunikationsprobleme…obwohl Luther und andere Geistliche da anderer Meinung sind). Soll das mit Willensfreiheit begründet werden? Wäre Gott allwissend und allmächtig, hätte er das also billigend in Kauf genommen? So, wie er auch uns Willensfreiheit lässt und das offensichtliche Unrecht auf Erden offenbar billigend in Kauf nimmt? Und uns dann ggf. bei Bedarf fallenlässt wie schon seinen Engel? Für immer? Ist DIESER Gott dann aber überhaupt noch mit Begriffen wie »liebevoll« und »gütig« umschreibbar? Wenn es einen solchen Gott tatsächlich gibt, der Anbetung und Verehrung, sowie Alleinstellungsmerkmale einfordert (warum eigentlich ist bereits verräterisch genug…), gleichzeitig aber nach seiner eigenen Logik handelt, seinen eigenen Sohn bspw. geplant »abschlachten« lässt (auch da hört seine Liebe auf) und Ungläubigen mit ewiger Verdammnis (statt liebevoller Zuwendung) droht…nun, ich möchte ihn dann erst gar nicht. Sonntäglich werden aber üblicherweise nur einige aufbauende Rosinen aus dem Gesamtbild dieses (Menschen-)Gottes herausgepickt und verklärend als »frohe Botschaft« verkündet, während sich gleichzeitig ins Gepäck die Erbsünde und das höllische Inferno wie ein trojanisches Pferd einschleichen. Ob Luzifer da wohl in Zukunft der einzige bleiben wird, der aus dem Himmel fällt? Es könnte vielleicht etwas ungemütlicher werden da oben als mancher denkt…wenn man »ihn« erst »näher« kennenlernt..
Erstellt am 20.11.2009