Warum glaubst Du noch? Glaubenssätze unter dem Gesichtspunkt der Logik

von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel

Neues Testament

Das Neue Testament enthält die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, Briefe und die Offenbarung des Johannes. Die Evangelien wurden, heißt es, von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes geschrieben, sie enthalten Berichte über das Leben und Wirken von Jesus. Und die Kirche weist gerne darauf hin, dass die beiden Evangelisten Matthäus und Johannes bei den 12 Aposteln, den Jüngern Jesu, und damit Augenzeugen gewesen sein sollen.
Nach der theologischen Wissenschaft kennen wir aber die tatsächlichen Verfasser der Evangelien nicht, Apostel waren dabei schon gar nicht vertreten. Wie man heute weiß, wurden die Evangelien erst lange nach Jesu Tod geschrieben, und es liegen nur Abschriften von Abschriften von Abschriften vor. Da nach dem 1. Vatikanischen Konzil der eigentliche Verfasser der Evangelien Gott persönlich sein soll, wird das Original wahrscheinlich bei ihm sein.

Anhand der nachfolgenden Beispiele zeigt sich, dass es das Neue Testament mit der Wahrheit oftmals nicht so genau nahm. Denn die Menschen der damaligen Zeit, also auch die Verfasser der Evangelien, waren beherrscht vom Glauben an übernatürliche Vorgänge, Wunder und Zauberei. Nach dem Matthäusevangelium konnte sich der neugeborene Jesus seiner Ermordung durch die Flucht nach Ägypten entziehen. Seinem Ziehvater Joseph erschien im Traum ein Engel und sagte, dass Herodes, König von Judäa, befohlen habe, Jesus, den neugeborenen König der Juden, zu töten. Daher flohen Maria, Joseph und Jesus nach Ägypten. Doch wäre diese Flucht nicht nötig gewesen, da König Herodes bereits vier Jahre vor Jesus Geburt verstarb. Hatte Joseph nur geträumt, dass ihm ein Engel erschienen sei? Herodes traf also keine Schuld an der Flucht. Nach der Rückkehr aus Ägypten zog dann die kleine Familie nach Nazareth in Galiläa, obwohl zu der Zeit von Jesus in ganz Galiläa kein Ort mit dem Namen Nazareth zu finden war. Das war sehr mutig von der kleinen Familie, schließlich war sie in einem Ort, den es nicht gab, völlig auf sich allein gestellt.

Auch ungewollte und gewollte Fehler bei der Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen beeinflussten mitunter gravierend die religiösen Riten des christlichen Glaubens. Das Symbol des Christentums ist das Kreuz, an das Jesus am Ende seines Lebens genagelt worden sein soll. Es hängt in allen christlichen Kirchen, vielen Krankenhäusern, unzähligen Klassenzimmern und sonstigen Räumlichkeiten. In Wirklichkeit ist Jesus jedoch an einen aufrecht stehenden Marterpfahl ohne Querbalken genagelt worden, denn die vier Evangelisten schreiben übereinstimmend von »stauros«, wodurch im klassischen Griechisch ein Pfahl bezeichnet wird. Das griechische Wort für Kreuz lautet hingegen »xiasma«. Demnach müssten sich die Jesus-Darsteller der Passionsspiele in Oberammergau auf ihrem nachgestellten Leidensweg nicht mit solch einem schweren Holzkreuz abmühen, Jesus hat es auch nicht getan. Darüber hinaus entdeckt der unvoreingenommene Leser in den Texten viele weitere Ungereimtheiten und widersprüchliche Darstellungen. Was soll er von Erzählungen halten, in denen immer wieder Wahrheiten beschrieben werden, die sich bei eingehender Prüfung im Nachhinein als Unwahrheiten herausstellen? Was sind dann die Erzählungen insgesamt noch wert? Das einzige, was man beim Lesen unzweifelhaft erkennen kann, ist, dass die Erzähler offenbar an ihren Gott geglaubt haben. Mussten sie deswegen gleich ein Buch schreiben?

Abgesehen davon unterscheidet sich das Neue Testament in einem wichtigen Punkt vonm Alten Testament. Während der Gott von den verschiedenen Erzählern des Alten Testaments nicht selten als grausames Wesen dargestellt wurde, ist er jetzt im Neuen Testament ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Die Geburt eines Sohnes mag, wie es häufig ist, mit dazu beigetragen haben, dass ein zum Vater gewordener Mann sanftmütig geworden ist. Erfahrungsgemäß lernen Väter von ihren Kindern. Oder liegt das an Jesus, der ja nach der Dreifaltigkeitslehre auch Gott ist? Dafür spricht, dass er im Alten Testament nicht wirken konnte, da er noch nicht da war.

Im Neuen Testament spricht Jesus von Friedfertigkeit, Feindesliebe und Vergebung. In seiner berühmten Bergpredigt, die er allerdings gar nicht selbst als Rede gehalten hat, da sie das literarische Werk des Autors des Matthäusevangeliums ist, lässt der Autor ihn sagen, wer nach seiner Meinung selig ist. Er preist u.a. diejenigen, die keine Gewalt anwenden, die barmherzig sind, oder die in ihrer Ansicht ehrlich sind. Zum einen haben das die Autoren der drei anderen Evangelien wohl nicht so gesehen, denn eine Bergpredigt sucht man bei ihnen vergeblich. Zum anderen ist all das bei der christlichen Kirche nicht angekommen. Denn im Verlauf von vielen Jahrhunderten hat sie bei denjenigen, die eine von der ihren abweichende Meinung vertreten haben, keine Barmherzigkeit geübt, stattdessen hat sie Gewalt angewendet. Sie hat ihre »Feinde« nicht geliebt und ihnen ihre andere Meinung nicht vergeben, sondern sie hat sie verfolgt, grausam gefoltert und getötet.

Hat die Kirche etwa in den Evangelien die falschen Stellen gelesen? Im Lukasevangelium (Lk 11,23) sagt Jesus den Satz: »Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.« Dies war natürlich eine göttliche Legitimation für jegliche Untaten der Kirche. Und bei den Methoden, mit denen sie gegen Andersdenkende vorging, musste sie auch nicht zimperlich sein. So heißt es im Matthäusevangelium (13,41 – 42) in einem Gleichnis von Jesus über das Ende der Welt, dass dann Engel alle diejenigen auf der Welt zusammenholen würden, die andere verführt und Gottes Gesetze übertreten hätten. Und die Engel würden sie anschließend in einem Ofen verbrennen. Was für ein friedfertiges Gleichnis, mit anderen Worten eine neutestamentlich abgesicherte Lizenz zum Töten. Die Kirche sagte stets, sie wisse genau, wer Gottes Gesetze übertreten und dabei womöglich auch andere verführt hätte. Und die mussten halt eliminiert werden.

Letzte Änderung: 24.07.2010

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